Knochenarbeit an Bord des Seitentrawlers „Gera“

Achtundvierzig Stunden durcharbeiten? Schlafmangel und Erschöpfung bis zum Umfallen! Tagelang keine Duschmöglichkeit? Schwerstarbeit unter Lebensgefahr? Unvorstellbar? Mag sein, aber das war das tägliche Arbeitsleben an Bord der Fischfangflotten. Wie und was genau an Bord geschah, erfahren wir bei unserem InstaWalk an Bord des Museumsschiffs „Gera„, dem letzten deutschen Seitentrawler.

Netz mit schweren Stahlkugeln an Bord des Seitentrawlers "Gera" beim InstaWalk (c) Tanja Albert

Netz an Bord des Seitentrawlers „Gera“ in Bremerhaven (c) Tanja Albert

Ein Schiff für eine D-Mark

Bei strahlendem Sonnenschein und im ruhigen Hafenbecken liegend, begrüßt uns Kerstin vom Historischen Museum Bremerhaven auf dem Museumsschiff „Gera“ zu unserem heutigen InstaWalk. Die acht Instagrammer, Mailin und ich ahnen noch nicht, welche Eindrücke uns hier erwarten. Wie denn auch? Die „Gera“ ist gerade frisch überholt mit neuem Anstrich und blitzsauberem Deck zurück an ihrem Liegeplatz im Schaufenster Fischereihafen. Kerstin berichtet, dass Bremerhaven einst der größte Fischereihafen Europas war. Hier im Fischereihafen tummelten sich über 200 Fischereiboote und lagen dicht an dicht im Päckchen. Das bedeutet, dass nicht genügend Platz an den Kajen vorhanden waren, und die Schiffe nebeneinander festmachen mussten. 1980 wurde der letzte Seitentrawler in Bremerhaven verschrottet. Zu spät erkannte man, dass damit ein Stück maritimer Kultur verloren war. Doch dann entdeckte die Stadt Bremerhaven den letzten Seitentrawler der ehemaligen DDR, die „Gera“, und kaufte ihn für eine D-Mark. Am 15. Juni 1990 trat sie ihre letzte Fahrt nach Bremerhaven an.

Der Seitentrawler "Gera" an seinem Liegeplatz in Bremerhaven (c) Tanja Albert

Das Museumsschiff „Gera“ an seinem Liegeplatz in Bremerhaven (c) Tanja Albert

Alle Mann an Deck und „Hiev up“

Die Arbeit an Bord der Seitentrawler war Schwerstarbeit. An der Steuerbordseite (rechts) der „Gera“ sehen wir das Netz mit den schweren, kniehohen Stahlkugeln und den kleineren Schwimmkugeln liegen. Nicht möglich, auch nur eine der Stahlkugeln allein anzuheben, geschweige denn über das Schanzkleid (Bordwand) zu hieven (heben). Die Stahlkugeln rollten über den Meeresboden, während die Schwimmkugeln oben trieben und ein Scherbrett (ein riesiges Stahlbrett) dafür sorgte, dass die Öffnung des Netzes möglichst groß war, damit die Fische hineinschwimmen konnten. Drei bis vier Stunden wurde das Netz so über Grund (Meeresboden) geschleppt. Dann ertönte der Befehl des Kapitäns „Hiev up!“. Eine Winde zog den ersten Teil des Netzes außer Wasser. Aber der schwere Teil, in dem die Fische waren, musste von Hand an Bord gezogen werden. Und das alles bei teilweise schwerer (stürmischer) See, denn es wurde bis Windstärke acht gefischt. Die Männer standen Schulter an Schulter, teilweise hüfttief im Wasser, wenn das Schiff sich in den hoch auftürmenden Wellen nach allen Seiten rollte und das Wasser über Deck lief. Gischt spritzte hoch, Wellen klatschten an Bord, die See war eiskalt in den Gewässern Grönlands, Islands und den Nordmeeren. Die Planken unter ihren schweren Arbeitsstiefeln waren rutschig und glatt. Immer galt es, nicht nur das Netz und den Nebenmann im Auge zu behalten, sondern auch noch die Leinen und Trossen am Boden. Denn oberstes Gesetz an Bord eines Schiffes ist es, niemals in die Leinen zu treten, die einen Seemann blitzschnell von den Füßen reißen können. Im schlimmsten Fall geht er dabei über Bord oder verliert ein Bein. Was das bedeutet, wird uns schlagartig klar.

Arbeitsgerät im Fischstauraum des Seitentrawlers "Gera" (c) Tanja Albert

Arbeitsgerät im Bauch des Museumsschiffs „Gera“ in Bremerhaven (c) Tanja Albert

Eine Hand fürs Schiff – eine Hand für dich

Wir versuchen uns vorzustellen, wie das bei stürmischer See funktionieren konnte. An Bord galt und gilt heute noch der Satz „Eine Hand fürs Schiff – eine Hand für dich“. Aber wie haben sie es geschafft, weit über das Schanzkleid gebeugt mit einem Stauhaken das Netz zu greifen, sich selbst zu sichern und gleichzeitig mit aller Kraft die schwere Last im Rhythmus der Wellen an Bord zu ziehen? Und das alles noch in einem mörderischen Tempo und über Stunden. Sobald das prall gefüllt Netz über dem Deck baumelte, wurde der Knoten am Ende des Steerts (Fangbeutel des Netzes) gelöst und der Fisch ergoss sich mit einem Schwall über das komplette Deck. Die Männer mussten aufpassen, dass sie dabei nicht von den Füßen gerissen wurden.

Das Deck wurde mit Hockenbrettern (Trennbrettern) unterteilt, damit das kostbare Gut nicht von einer Seite zur anderen rutschte, wenn sich das Schiff über die Wellen rollte, und somit bedrohliche Schlagseite bekommen hätte. Knietief im Fisch stehend, machten sich alle verfügbaren Kräfte der 34 Mann starken Besatzung daran, die Fische zu schlachten. Mit einem rasiermesserscharf geschliffenen Löwenmesser wurde der Fisch aufgeschlitzt, die Leber entnommen und in einem separaten Behälter geworfen, der Rest ausgenommen.

Über einen Trichter glitten die Fische in den Bauch des Schiffes. Hier warten zwei Mann Besatzung darauf, ihn in abgetrennte Fächer zu bugsieren. Auf jede Lage Fisch kam ein Lage Eis. Das war Knochenarbeit, denn hier unten war es kalt, rutschig, dunkel und das Eis, welches mit großen Schaufeln auf die Fische geworfen wurde, war schwer! Beim Auffüllen der großen Fächer mussten immer wieder Zwischenböden eingezogen werden, damit der kostbare Fang nicht unter dem eigenen Gewicht zerquetscht wurde. Dass der Fisch möglichst unversehrt angelandet werden konnte, lag im Interesse aller. Denn die Mannschaft, vom Koch bis zum Kapitän, wurde prozentual am Fang beteiligt. Während hier unten im Bauch trotz der Kälte der Schweiß in Strömen floss, wurde an Deck das eventuell beschädigte, aufgerissene Netz von den flinken Händen der Netzmacher repariert. Währenddessen drehte der Kapitän ein möglichst kurze Runde, bevor er das Schiff wendete und auf entgegengesetztem Kurs das Netz wieder ausgesetzt wurde, um den nächsten Hol zu starten.

Kajüte an Bord der "Gera" (c) Tanja Albert

Enge Kajüte an Bord des Seitentrawlers „Gera“ (c) Tanja Albert

Keine Spur von Seefahrerromantik

Jeder von uns weiß, wie ungemütlich und klamm regennasse Kleidung ist. Das ist jedoch nichts im Vergleich zum Erleben der Seeleute. Damals gab es noch keine komfortable Gore-Tex-Bekleidung. Die Männer steckten in schwerem, steifem Ölzeug, schweren Stiefeln und sperrigen Handschuhen. Der Südwester (Kopfbedeckung) sollte verhindern, dass ihnen allzu viel kaltes Meerwasser in die Krägen lief.

Wenn ein Hol eingebracht, die Fische geschlachtet und verstaut waren, schleppte sich die Mannschaft über die steilen Niedergänge (Treppen) ins Innere des Schiffs um kurz auszuruhen oder etwas zu essen. Oft rutschten sie einfach die Wand runter und lagen in den Gängen, um einen Moment Kraft zu schöpfen und sich zu erholen. Wer konnte, schob sich schnell etwas zu Essen und zu Trinken in den Mund, bevor der Ruf des Kapitäns erscholl und sie wieder an Deck mussten.

Klar, dass so schwere Arbeit auch nahrhafte Speise erforderte. So war neben dem Kapitän der Smutje (Koch) einer der wichtigsten Männer an Bord. Er bereitete in seiner engen Kombüse (Küche) deftige Speisen zu. Schon zum Frühstück gab es Bratfisch und Milchsuppe. Doch ob es sich um Frühstück oder Abendessen handelte, konnte die Mannschaft oft gar nicht unterscheiden, wenn sie rund um die Uhr arbeitete. Welcher Wochentag war, ließ sich an den exklusiveren Speisen erkennen. Denn am Seemannssonntag (Donnerstag) gab es besonders gutes Essen, wie zum Beispiel Frikadellen, Spiegelei oder auch mal ein Steak.

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https://www.youtube.com/watch?v=Raxkrl7jpkM

Der Duft der weiten Welt

Der Fang musste spätestens 28 Tage später im Zielhafen gelöscht (entladen) werden. Schiff und Mannschaft waren also vier Wochen am Stück unterwegs und fischten teilweise rund um die Uhr. Wenn die Reise in nördliche, kalte Fanggründe ging, kam oft der gefürchtete schwarze Frost. Durch Wolken- und Niederschlagsteilchen drohte die komplette Vereisung des Schiffes. Dieses zusätzliche Gewicht drohte das Schiff innerhalb kürzester Zeit zum Kentern zu bringen. Unerbittlich wurde die Mannschaft bei bis zu minus 20 Grad an Deck beordert, um Eis zu klopfen und von Bord zu schaffen. War die Arbeit erledigt, erklang bereits wieder das nächste „hiev up!“. In den kurzen Ruhephasen musste die Mannschaft versuchen, etwas Schlaf zu finden oder etwas zu essen. Oft rutschten sie einfach ihre Kleidung tragend auf den Boden oder sie pellten sich aus dem sperrigen Ölzeug und fielen in ihrer dicken Unterwäsche in ihre Kojen. Für Körperpflege und duschen fehlte hier die Kraft und Zeit. Wir können uns ansatzweise vorstellen, wie es an Bord und in den Kabinen gerochen haben mag. Die Seeleute störte das hingegen kaum. Zum einen waren sie viel zu erschöpft und zum anderen rochen alle Kumpel gleich.

Kopf einziehen! angebracht unter Deck der "Gera" (c) Tanja Albert

Instagrammer Stefan passt gerade noch so unter Deck der „Gera“ (c) Tanja Albert

Kleiner Mann ganz groß

Trotz der schweren Arbeit ist es an Bord auf Grund der Enge, die hier überall herrscht, von Vorteil, wenn man nicht zu großgewachsen ist. Das wird deutlich, als sich Stefan unter Deck bewegt. Überhaupt ist hier alles ziemlich eng. Wir sind nur zehn Personen, aber früher tummelten sich hier 34 Mann Besatzung. Die steilen Niedergänge waren schmal, die Kajüten (Wohn-Schlafraum) eng, die Messe (Speiseraum) klein, der Maschinenraum laut, der Funkraum ein winziges Hock. Es mag von Vorteil sein, dass man bei starken Seegang räumliche Begrenzungen hat, aber für das tägliche Leben und die Arbeit, war es sicher hilfreich, wenn man nicht zu groß gewachsen war. Das gilt übrigens auch heute noch auf Schiffen, wie uns Instagrammer Max berichtet, der selbst zur See gefahren ist.

InstaWalk-Teilnehmer auf der Gangway der "Gera" in Bremerhaven (c) Tanja Albert

Die Teilnehmer des InstaWalks Museumsschiff „Gera“ auf der Gangway (c) Tanja Albert

Das war Knochenarbeit

Wir sind auf dem Deck, unter Deck, durch den Maschinenraum, entlang der Kombüse, der Kajüten, des Sanitätsraums bis in den Sanitärraum gegangen, gekrochen, haben Kopf und Schultern eingezogen und die Enge gespürt. Wir hatten das Glück, den letzten deutschen Seitentrawler „Gera“ bei schönsten Wetter und im ruhigen Wasser des Hafenbeckens erkunden zu dürfen und trotzdem atmen alle auf, als wir den steilen Niedergang wieder hoch gen Tageslicht klettern. Es waren tolle Ein- und Ausblicke, die wir hier beim InstaWalk erleben durften. Es war möglich, uns ansatzweise in das Arbeiten und Leben der Seemänner zu versetzten und unsere Hochachtung vor diesem Beruf ist bei allen gestiegen. Wir sagen „Danke“ an Kerstin und tschüss bis zum nächsten InstaWalk.

 

 

 

Erlebnis Bremerhaven Meer
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