Eine biographische Spurensuche

Jedes mal wieder bewundere ich meine Kolleginnen, die bei uns im Deutschen Auswandererhaus Familienrecherche betreiben und denen es gelingt, aus tausend kleinen Puzzlestücken ein präzises Porträt zu zeichnen. Wie so etwas funktioniert, das schreibt mir Tanja Fittkau, die unsere Museumssammlung betreut und sich als Historikerin schon mehrmals erfolgreich auf Spurensuche begeben hat – entweder, um Familiengeschichten für die Sammlung zu „rekonstruieren“, oder für unsere Sonderausstellungen. Ihr Bericht klingt fast ein bisschen wie „Detektivarbeit“. Aber lest selbst, was Tanja Fittkau zu berichten weiß …

Tanja Fittkau vor einem Ausschnitt aus der Datenbank ancestry.

© Deutsches Auswandererhaus / Foto: Ilka Seer.

Los geht’s mit Tanjas Schilderungen

Vor mir liegen ein Brief des Kaiserlich Deutschen Generalkonsulates in New York und ein Telegramm des Auswärtigen Amtes Berlin aus dem Jahr 1913. Sie behandeln den Fall Meta Stecher, einer jungen deutschen Einwanderin, die in New York offensichtlich vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen wurde. Im Deutschen Auswandererhaus lerne ich täglich neue Menschen und spannende Migrationsbiographien kennen und bekomme in persönlichen Gesprächen mit Besuchern und Schenkern eine Menge Informationen, erfahre Lebensdaten und persönliche Anekdoten. Was aber bleibt von einem Menschen, wenn niemand mehr von ihm erzählen kann? Der Fall Meta macht mich neugierig. Was war diesem Mädchen passiert? Ich frage mich, ob ich weitere Puzzlestücke finden kann, um ihre Lebensgeschichte zu rekonstruieren.

Die Spurensuche beginnt

Durch die beiden Dokumente habe ich einen Namen, das Auswanderungsjahr, Geburtstag und Ort. Also setze ich mich an den Computer und gebe die Informationen in der Datenbank ancestry ein. Mit Erfolg – ich finde sofort die Passagierliste von ihrer Reise.

Meta war 1911 mit der „Prinz Friedrich Wilhelm“ von Bremerhaven aus nach New York gereist und am 21. Oktober dort angekommen. Ihr Alter wird mit 16 ¼ Jahren angegeben, laut Telegramm war sie zu diesem Zeitpunkt aber erst 14 Jahre alt. Das ist jedoch keine ungewöhnliche Abweichung, vermutlich hatte sie sich älter gemacht, um alleine in die USA einreisen zu können. Ich stelle fest, dass Meta nicht im billigen Zwischendeck, sondern in der II. Klasse reiste – offenbar sollte das junge Mädchen wohlbehalten ankommen. Und noch eine wichtige Information finde ich. Als nächsten Verwandten in Deutschland hatte Meta ihren Vater angegeben: Fritz Stecher, wohnhaft in der Leher Chaussee 94 in Geestemünde.

Tanja Fittkau in der Sammlung Deutsches Auswandererhaus. Foto: Ilka Seer.

Die Lloydhalle an der Columbuskaje in Bremerhaven, um 1900. © Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Ein neuer Anhaltspunkt – und mein nächstes Ziel ist das Bremerhavener Stadtarchiv. Hier gehe ich zunächst verschiedene Adress- und Einwohnerbücher durch und werde in den Jahren 1914 und 1920 fündig: Metas Vater Fritz Stecher ist als Arbeiter und Milchhändler in der Rheinstraße 94 aufgeführt. Es stellt sich heraus, dass die 1911 in der Passagierliste angegebene Leher Chaussee und die spätere Rheinstraße identisch sind; hier hatte lediglich eine Namensänderung stattgefunden. Nun nehme ich mir die Meldekarten vor und finde tatsächlich eine von Vater Fritz. Allerdings ist hier neben seiner Frau Wilhelmine nur eine Tochter Bertha eingetragen. Ich überlege. Ist in den Passagierlisten ein Schreibfehler aufgetreten, ein Irrtum, der aus Bertha eine Meta machte? Oder handelt es sich gar nicht um den richtigen Fritz Stecher? Offensichtlich eine Sackgasse. Aber ich habe ja noch einen Hinweis, den ich verfolgen kann.

Bertha und/oder Meta? Das ist hier die Frage …

Als Metas Geburtsort hatte das Berliner Telegramm Scharmbeck angegeben. Wegen der Nähe zu Bremerhaven kann es sich hierbei doch eigentlich nur um Scharmbeck im Landkreis Osterholz handeln. Also setze ich mich nach einem kurzen Telefonat mit dem dortigen Kreisarchiv ins Auto und fahre nach Osterholz, wo ich von der Archivleiterin Gabriele Jannowitz-Heumann herzlich empfangen werde. Sie nimmt sich viel Zeit für meine Fragen und sucht alle nötigen Unterlagen heraus. Bei den Recherchen finde ich hier nun Metas Geburtsurkunde, datiert auf den 9. Juni 1897. Als Eltern sind Adelheid Johanna Stecher, geborene Helmers, und ihr Mann Heinrich Friedrich Stecher, von Beruf Gastwirt, eingetragen. Außerdem finden sich die Geburtsurkunden von einem Bruder und sechs Schwestern – eine mit Namen Bertha!! Auch die Heiratsurkunde der Eltern findet sich, mit Datum vom 2. November 1882. Der kann ich entnehmen, dass Metas Großmutter Maria Wilhelmine nicht verheiratet und Vater Fritz also ein uneheliches Kind war. Zum Zeitpunkt von Fritz Hochzeit lebte Maria in Amerika. Ich frage mich, ob das der Auslöser für die Amerikareise der 14-jährigen Meta war?

Dass Vater Fritz in Metas Geburtsurkunde als Gastwirt bezeichnet ist, liefert ein weiteres Puzzlestück für meine Spurensuche. Das Kreisarchiv besitzt einen mehrseitigen Schriftwechsel, in dem Fritz beim Magistrat zu Scharmbeck am 24. April 1888 die Konzession zum Betreiben einer Gastwirtschaft beantragt. Er führt darin aus, dass das Tarpkingsche Haus No. 87 zu Scharmbeck, in dem er die Gastwirtschaft betreiben möchte, am 1. Juni 1888 durch Kauf in seinen Besitz übergeht. Dank einer Idee von Frau Jannowitz-Heumann findet sich sogar ein Foto des Hauses – des Geburtshauses von Meta Stecher. Die Tatsache, dass Heinrich Friedrich Stecher trotz seiner acht Kinder das Haus kaufen kann, ist für mich ein Hinweis auf die offensichtlich finanziell gute Situation der Familie. Der Antrag wird am 4. Juni 1888 bewilligt.

Ein historisches Foto von Scharmbeck: links eine Kirche, in der Mitte ein Marktplatz, rechts mehrere Häuser.

Meta Stechers Geburtshaus: das Tarpkingsche Haus No. 87 zu Scharmbeck (zweites Haus von rechts). © Kreisarchiv Osterholz-Scharmbeck.

Ein weiteres Dokument bringt dann die Verbindung zu der im Stadtarchiv Bremerhaven gefundenen Meldekarte: die Sterbeurkunde von Adelheid Johanna Stecher, geborene Helmers. Metas Mutter starb am 15. Juni 1902. Schaffte Vater Fritz es nicht, alleine die Kinder und gleichzeitig die Gastwirtschaft zu betreuen?

Ein Eintrag im Abmelderegister Scharmbeck belegt: Kurz nach dem Tod der Mutter wird ein Großteil der Familie in Scharmbeck abgemeldet. Vater Fritz zieht nach Geestemünde, wo er 1903 erneut heiratet: Wilhelmine Stecher, geborene Dietze. Die Kinder werden in verschiedene Orte im Umkreis geschickt. Wo sie untergebracht werden und ob es Verwandte sind, die sie großziehen, lässt sich nicht feststellen.

Auf nach Amerika

Ich frage mich, ob außer Meta noch andere Familienangehörige nach Amerika gegangen sind. Also zurück nach Bremerhaven und nochmal an die Datenbank ancestry. Und wirklich, mindestens zwei der Schwestern von Meta haben ebenfalls die Reise über den Atlantik angetreten: Wilhelmine und Bertha. Wilhelmine erreicht New York bereits im Jahr 1907. Sie heiratet einen Amerikaner und bekommt drei Kinder. Bertha kommt 1910 in New York an, und ein weiteres Mal 1922 in New York.

Ein Ausschnitt aus einer Passagierliste der "Prinz Friedrich Wilhelm" (Abfahrt 21. Oktober 1911).

Auszug aus der Passagierliste der „Prinz Friedrich Wilhelm“, Abfahrt 21. Oktober 1911, in der der Name von Meta Stecher in Zeile 12 gelistet ist. © ancestry

Meta Stecher blieb nach ihren schrecklichen Erlebnissen 1913 in den USA und beantragte 1931 die amerikanische Staatsbürgerschaft, wie einem nachträglichen Vermerk auf der Passagierliste zu entnehmen ist. Da sie unter dem Namen Stecher jedoch nicht in den Volkszählungslisten des Landes zu finden ist, ist davon auszugehen, dass sie heiratete und den Namen ihres Mannes annahm. Hier endet meine Spurensuche erst einmal. Erklären, warum Meta trotz ihrer in den USA lebenden Verwandten in die Prostitution geriet, kann ich nicht – aber nun weiß ich doch einiges über das junge Mädchen, das am Anfang nur einen Namen hatte.

Auswandererhaus Originale
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