Ich sehe was, was du nicht siehst

…und das, obwohl Maleike Schubert blind ist und ich nicht. Einen Nachmittag lang durfte ich Maleike durch Bremerhaven begleiten und sie mit Fragen löchern. Sie eröffnete mir eine völlig neue Welt, die für mich bislang im Dunkeln lag.

Maleike Schubert an ihrem Arbeitsplatz im Amt für Menschen mit Behinderung in Bremerhaven (c) Tanja Albert
Der Arbeitsplatz von Maleike Schubert unterscheidet sich kaum von anderen Arbeitsplätzen. Allerdings wirkt er aufgeräumter. (c) Tanja Albert

Was bedeutet blind?

Sehbeeinträchtigung, Sehbehinderung, Blindheit… was bedeutet das eigentlich? Die Weltgesundheitsorganisation hat festgelegt, dass als „hochgradig sehbehindert“ gilt, wer weniger als 5 % seiner Sehkraft hat und als „blind“, wer weniger als 2 % sieht. Maleike gilt seit ihrem 12. Lebensjahr als blind und kann an guten Tagen nur noch einen schwachen hell-dunkel-Kontrast erkennen.

Maleike mit Langstock (c) Tanja Albert
Maleike findet ihren Weg mittels taktilem Leitsystem und Langstock (c) Tanja Albert

Eine Frau mit vielen Facetten

In Bonn aufgewachsen, besuchte Maleike nach der Grundschule ein Internat für sehbehinderte und blinde Menschen in Soest. Ihre Eltern förderten sie bei der Entwicklung ihrer Selbstständigkeit. Das bedeutete in diesem Fall, dass Maleike die Strecke zum Internat allein mit dem Zug zurücklegte und dabei in Köln umsteigen musste. Wenn ich daran denke, wie hilflos ich mich als sehender Mensch schon oft auf Bahnhöfen gefühlt habe, kann ich mir das kaum vorstellen. Jahre später gestand ihr ihre Mutter, dass sie ihr heimlich hinterher ging und mitfuhr, um notfalls unterstützend eingreifen zu können. Wahrscheinlich half Maleike aber schon damals ihre positive, zuversichtliche Art, denn selbst als sie in die falsche U-Bahn stieg, geriet sie nicht in Panik und fand den Weg zurück. Später studierte sie in Marburg Geschichte. In den Vorlesungen machte Maleike sich Notizen, die sie gleich in ihren Rechner tippte. Das Unterrichtsmaterial, das sie ihm Anschluss erhielt, konnte sie dann mit Hilfe von Vergrößungsprogrammen und ihrer Studienassistenz durcharbeiten. Ein mühseliges und zeitaufwendiges Unterfangen zu dem ohnehin umfangreichen Unterrichtsstoff.

Maleikes neues zu Hause

Die Arbeitsplatzsuche verschlug sie nach Bremerhaven. Da stellt sich mir als sehenden Menschen natürlich die Frage, wie sie sich in einer neuen Umgebung zurechtfindet. Maleike erzählt mir, dass sie anfangs einen Mobilitäts- und Orientierungstrainer hatte. Wer jetzt vermutet, dass diese Person sie Tag und Nacht über lange Zeit begleitet, irrt gewaltig. Gerade einmal 20 Stunden wurden dafür bewilligt.

Ich habe Glück, dass ich mir schnell Wege und Umgebungen merken kann. Diesen Vorteil hat nicht jeder sehbehinderte Mensch.

Maleike musste neben dem Weg zwischen ihrer Wohnung und ihrer Arbeitsstelle auch noch die Wege zum Bäcker, zur Bank, zur Bushaltestelle und Bahnhof, zum Einzelhändler und andere Wege lernen. Mir ist nach wie vor schleierhaft, wie sie das in so kurzer Zeit geschafft hat.

MIA – Mehr Inklusion für Alle

Seit September 2016 ist Maleike jetzt die Projektkoordinatorin für „Inklusion im Sport“ beim Amt für Menschen mit Behinderung. In diesem Jahr wurde sie für ihren unermütlichen Einsatz mit dem ersten Bremer Inklusionspreis ausgezeichnet. Sie freut sich sehr über die Auszeichnung. Das bedeutet aber auch, dass noch ein langer Weg vor uns allen liegt, denn Inklusion sollte selbstverständlich sein.

Maleike beim Treppengehen (c) Tanja Albert
Sicher meistert Maleike auch Treppen (c) Tanja Albert

Stock oder Hund

Bevor wir das Büro verlassen und durch die Havenwelten und die Innenstadt bummeln, lässt mich Maleike ihren Langstock probieren. Ganz schön lang und relativ schwer. Für mich ist er erst einmal eher hinderlich und sperrig statt hilfreich. Es gibt aber auch faltbare Stöcke. Solch einen hat Maleike immer in ihrem Rucksack dabei, wenn sie mit ihrem Blindenführhund unterwegs ist. Nicht, weil sie ihm nicht vertraut, sondern für den Fall, dass der Hund sich verletzt und nicht weiter kann. In diesem Fall müsste Maleike sofort wieder selbst in der Lage sein, ihren Weg zu finden. Der Hund als treuer Weggefährte und Familienmitglied braucht aber auch Pflege und Zuwendung. Auch wenn man Langstock und Hund nicht direkt vergleichen kann, haben beide ihre Vor- und Nachteile.

Trotz naher Wasserkante bewegt sich Maleike sicher und zielstrebig, wie hier in den Havenwelten (c) Tanja Albert
Zielstrebig und sicher bewegt sich Maleike, wie hier in den Havenwelten (c) Tanja Albert

Mit allen Sinnen unterwegs

Und prompt wird die freundliche Fellnase, die wir hier Merci nennen, unruhig und möchte raus. Aber das wollen wir auch. Maleike sucht ihre Sachen zusammen, schließt sorgfältig Reiß- und Clipverschlüsse, bevor der Hund Führgeschirr und Leine angelegt bekommt. Warum noch eine Leine, frage ich mich? Maleikes Antwort ist logisch: Wir haben Leinenzwang in Bremerhaven. Das gilt für alle Hunde.

Inkognito unterwegs

Der Grund, warum wir Maleikes Führhund mit einem Decknamen versehen ist der, dass die Menschen, die den beiden begegnen, den Hund ansonsten mit seinem richtigen Namen ansprechen und ihn dadurch und durch Streicheln oder Füttern von seiner Arbeit ablenken. Und das kann (lebens-)gefährliche Folgen haben.

Ab jetzt im Dienst

Kaum im Führgeschirr, ändert sich das Verhalten der Hündin. Sie ist aufmerksam und konzentriert. Draußen nimmt Maleike ihr das Geschirr wieder ab und hält sie auf einem Grünstreifen nur an der Leine. Warum das, frage ich mich? Maleike gibt ihr so Zeit und Möglichkeit zum Gassigehen. Das tut ein Führhund nämlich nur, wenn er nicht „im Dienst“, also im Geschirr, ist. Ich bin perplex! Nie hätte ich für möglich gehalten, dass ein Hund sich so kontrollieren und zurückhalten kann. Fröhlich plaudernd schlendern Maleike und ich nebeneinander her. Immer wieder gibt es einen kaum merklichen Stopp, wenn der Hund ihr ein Hinderniss, eine Bordsteinkante oder ähnliches anzeigt. Und auch Maleike ist ganz bei der Sache. Sie spürt kleinste Veränderungen am Führgeschirr, wenn der Hund zum Beispiel den Kopf zum Schnüffeln senkt. Sofort bekommt er ein leises Kommando, denn „im Dienst“ ist schnüffeln verboten. Da hat das Tier seine ganze Aufmerksamkeit dem Blinden zu widmen.

Maleike an einer Ampel in den Havenwelten (c) Tanja Albert
Maleike unterwegs in den Havenwelten (c) Tanja Albert

Gefahr lauert überall

Einmal gab es bereits die Situation, in der ihr Hund sie vor einem Unfall oder Schlimmeren bewahrt hat, berichtet Maleike mir. Beim Überqueren einer Straße hat ihr ein Auto die „Vorfahrt“ genommen. Der Hund stellte sich sofort vor Maleike und drängte sie zurück an den Straßenrand. Das war knapp! Ein Langstock hätte das nicht gekonnt.

Der Führhund weist ihr den Weg zur Bushaltestelle und zeigt an, wenn dieser kommt. Welche Buslinie es ist, muss Maleike aber beim Fahrer erfragen (c) Tanja Albert
Der Führhund weist ihr den Weg zur Bushaltestelle und zeigt an, wenn dieser kommt. Welche Buslinie es ist, muss Maleike aber beim Fahrer erfragen (c) Tanja Albert

Alltäglichkeiten

Während wir eine große Kreuzung überqueren und ins Columbus Shopping Center gehen, löchere ich Maleike mit weiteren Fragen zu alltäglichen Dingen. Die Uhrzeit lässt sie sich mittels einer „sprechenden“ Uhr ansagen. „Wie findest du farblich passende Kleidungsstücke“ will ich von ihr wissen. Maleike merkt sich die Farbe beim Neukauf der Kleidung und prägt sich den Stoff und die Griffigkeit ein. So kann sie sie später wiedererkennen. Im Internat hat sie auch das Bügeln gelernt. Da hat sie mir einiges voraus und ich bin froh, dass sie meine Bügelergebnisse nicht sieht. Sie beherrscht das Bügeln im Gegensatz zu mir perfekt. Da sie bis zu dieser Perfektion viel üben müsste, hatte ihr Vater seinerzeit als sie noch zu Hause lebte, stets akkurat gebügelte Hemden. Weil Maleike nicht so gern kocht, braucht sie dafür keinen großen Aufwand betreiben. Genauso wie ich, ist auch sie Liebhaberin von Pasta & Co.. Diese Speisen kommen daher regelmäßig auf den Tisch. Das Vorbereiten und Schneiden der Zutaten dauert allerdings etwas länger als bei sehenden Menschen, erzählt sie mir. Ich stelle mir ihr zu Hause pikobello ordentlich und sauber vor. In der Tat muss sie, wenn sie etwas abwischt, saugt oder feudelt stets die ganze Fläche bearbeiten, denn sie kann nicht erkennen, ob da eventuell nur ein kleiner Fleck ist, den man schnell mal eben wegwischen kann.

Mit Führhund auf der Rolltreppe (c) Tanja Albert
Früher durften Führhunde nicht auf Rolltreppen. Maleikes Hund ist dafür aber speziell ausgebildet (c) Tanja Albert

Ich hätte gern…

Maleike legt Wert auf Biolebensmittel. Daher kauft sie gern auf dem Markt oder im Bioladen ein. Das hat auch den Vorteil, dass es hier immer ein/e Verkäufer/in gibt, die ihr das Gewünschte reicht. Im Discounter kauft sie nicht so gern Gemüse und Obst, da sie ohne fremde Hilfe nicht erkennen kann, ob die Ware reif oder vielleicht schadhaft ist.

Ich mag es überhaupt nicht…

…wenn Supermärkte umräumen. Auf Nudeln, Fertigpizza oder anderes, was sie regelmäßig kauft, steuert Maleike zielstrebig hin in einem ihr bekannten Supermarkt. Schwierig wird es, wenn dort umgeräumt wurde. Es ist schon einmal vorgekommen, dass sie erst zu Hause beim Zubereiten gemerkt hat, dass sie eine andere als von ihr gewünschte Pizza erwischt hat, weil die Kühltheke umgeräumt wurde. Davon lässt sie sich aber keineswegs entmutigen.

Bitte nicht!

Ich erzähle Maleike, dass ich manchmal unsicher bin, ob oder wie ich einen Menschen mit Sehbehinderung ansprechen soll. Bin ich aufdringlich, wenn ich frage, ob ich helfen kann? Gebe ich einem Blinden die Hand zur Begrüßung? Darf ich einen sehbehinderten Menschen berühren, um ihm den Weg zu weisen? Fragen über Fragen! Die Antwort ist ganz einfach. Auch hier gelten die regulären Höflichkeitsformeln. Ich spreche einen sehbehinderten Menschen direkt an und schaue ihn dabei an, auch wenn er mich nicht oder fast nicht sehen kann. Ich frage, ob ich behilflich sein kann und erfahre dann, ob bzw. was ich tun kann. Wenn ich ihm den Weg weisen soll, biete ich ihm meinen Arm an, den er greift (nicht anders herum). Also ganz logisch und einfach, nicht wahr? Allerdings läuft das im Alltag oft anders. So ist es Maleike schon passiert, dass sie von einem Passanten über die Straße gezerrt wurde, obwohl sie einfach nur an der Bushaltestelle auf einen Bus wartete.

Ein Führhund im Dienst sollte nicht angesprochen und gestreichelt werden, um ihn von seiner Aufgabe nicht abzulenken (c) Tanja Albert
Führhunde im Dienst sollten nicht durch Streicheln, Füttern oder ähnliches von ihrer Aufgabe abgelenkt werden (c) Tanja Albert

Das Pferd ist doch nicht blind

Neben Lesen gehört auch Sport zu Maleikes Freizeitbeschäftigungen. Sie ist ausgebildete Rettungsschwimmerin. Im letzten Dezember hat sie außerdem gerade ihren Erste Hilfe-Kurs aufgefrischt. Vorbildlich! Die Auffrischung meines Kurses liegt schon wieder vier Jahre zurück. Aber besonders gern reitet sie. Damit hat sie schon als Kind begonnen. Zwar kann sie die Markierungen in der Halle nicht erkennen, aber durch ihr gutes Raumgefühl, weiß sie doch, ob sie sich in der Mitte, am Ende, an der Längs- oder Kurzseite befindet. „Wahrscheinlich sind meine gerittenen Kreise etwas eieriger als die der anderen“ schmunzelt sie. Mir wird schon bei dem Gedanken ganz anders, mich mit verbundenen Augen auf ein Pferd zu setzen. Wer von uns beiden über mehr Mut verfügt, ist unbestritten.

Spaziergang am Geestewanderweg in Bremerhaven (c) Tanja Albert
Spazierengehen und frische Luft schnappen auf dem Geestewanderweg in Bremerhaven (c) Tanja Albert

Feierabend

Über drei Stunden plaudern wir nun schon miteinander. Dabei „vergesse“ ich Maleikes Blindheit manchmal zwischendurch. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie sich absolut sicher und zielstrebig bewegt. Egal, ob das im Büro oder draußen ist, mit Langstock oder Führhund. Ich bin dankbar, dass ich meine Fragen nach Herzenslust stellen durfte und sie mir von Maleike mit einer Engelsgeduld und ausführlich beantwortet wurden. Ich freue mich schon auf ein Wiedersehen mit ihr.

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