„Warum lässt der Frühling so lange auf sich warten?“

Ich frage mich das schon den ganzen März. Und wo bekomme ich die Antwort darauf? Im Klimahaus Bremerhaven!

Letztes Jahr habe ich um diese Zeit schon oft draußen Spaghetti-Eis gegessen. Dieses Wochenende war ich in der Sauna! An Sport unter freiem Himmel wage ich bislang noch gar nicht zu denken. Also, ich jetzt. Andere schon… Für mich persönlich ist das schon so etwas wie „Extremwetter“. Extrem langer Winter. Und extrem kalt. Ich will wissen, ob das noch normal ist? Und, warum unser Wetter jedes Jahr aufs Neue nie das macht, was es soll!? Gerät das Wetter weltweit aus den Fugen?  Mit Diplommeteorologe Dr. Michael Theusner treffe ich mich auf eine Plauderei über Hitze, Kälte und andere Wetterphänomene. Und über Spaghetti-Eis.

Herr Dr. Theusner, eigentlich wollte ich heute ein Spaghetti-Eis mit Ihnen essen!?

Was spricht dagegen? Ich kann immer Spaghetti-Eis essen. Das kann man sogar im Winter, erst recht, wenn die Sonne scheint!

Am 1. März war meteorologischer Frühlingsanfang. Ok, die Sonne scheint. Aber gefühlt jeden Morgen fragt man sich, ob man eine lange Unterhose anziehen soll oder nicht?! Es ist zu kalt!

Zu kalt? Natürlich ist das Wetter zur Zeit erheblich kälter, als das im langjährigen Durchschnitt  um diese Jahreszeit zu erwarten wäre, aber es ist auch nicht außergewöhnlich. Das kommt ab und zu im März mal vor. Letztes Jahr hatten wir den wärmsten März seit Messbeginn in Deutschland, jetzt haben wir einen zu kalten März. Die Extreme wechseln sich halt ab von Jahr zu Jahr.

Da braut sich was zusammen: Das Wetter macht nicht immer, was der Mensch sich wünscht
Bild: Ann Johansson

Denken wir also bei der Frage rund um den  Klimawandel in unseren Alltagsszenarien  zu kleinkariert und ignorieren ihn deshalb?

Es ist ganz normal, dass das Wetter an einem Ort innerhalb eines Monat stark schwanken kann. Deshalb muss man beim Klimawandel immer auf langjährige Trends gucken. Das bedeutet: Mindestens 15 Jahre, üblicherweise 30 Jahre das Wetter beobachten, um überhaupt Trend sehen zu können. Wenn man das macht, kann man feststellen, dass Wärmeextreme deutlich häufiger auftreten als früher. Andersherum sind Kälteextreme seltener geworden.  Wenn die Wetterlage stimmt, gibt es aber trotzdem kaltes Wetter. Aber dann ist es vielleicht nicht so kalt, wie früher die Kältewelle durchschnittlich gewesen wäre. Also früher hätten wir unter Umständen bei gleicher Wetterlage 2 bis 3 Grad weniger gehabt und noch mehr gefroren.

Noch mehr gefroren…!? Was sagen Sie Menschen, die bei  solchen Gelegenheiten darauf verweisen, es sei mit dem Klima ja doch alles „in Ordnung“?

Das ist eben der Unterschied zwischen kurzfristig beobachtetem Wetter und langfristig diagnostiziertem Klimawandel. Bei einem Hoch über Skandinavien kommt nun mal die Kaltluft aus Osteuropa zu uns. Dann gibt es natürlich kaltes Wetter im Winter, egal, wie der Klimawandel sich sonst bemerkbar macht. Langjährige Trends zeigen uns aber, dass höhere Temperaturen eben häufiger auftreten. Insbesondere für die Sommer können wir das feststellen, auch wenn das Wetter vielleicht nicht schön ist, wie es oft im letzten Sommer der Fall war. Wir bekommen nahezu jedes Jahr Hitzerekorde gemeldet. Wie den deutschen Hitzerekord aus 2015: 40,3 Grad Celsius wurden im bayerischen Kitzingen gemessen.  Kälterekorde gibt es hingegen kaum noch. Dass ein ganzer Monat rekordkalt ausfällt, das hat es schon viele Jahre nicht gegeben. Können Sie sich noch an ein rekordverdächtig kaltes Winterwetter erinnern?

Nein. Ehrlich gesagt nicht. Aber vermissen tue ich diese Kälterekorde auch nicht…  Wie ist es denn mit besonders starken Schneefällen? Davon hört man schon immer wieder mal. Wie z. B. im Nordosten der USA und Kanada, auch in diesem Winter?

Genau! Das ist eben das Wetter! Wenn die Wetterlage stimmt, kann es im Winter natürlich Schnee geben, aber insgesamt ist es trotzdem weniger als vor 30 oder 40 Jahren. Da gibt es auch ganz merkwürdige Phänomene wie eben in Nordamerika. Der Atlantik mit seinen großen Wassermengen ist jetzt drei bis vier Grad wärmer als früher. Die Tiefs auf dem Atlantik werden gegen den Uhrzeigersinn aufs Festland gelenkt und diese heute viel wärmere und feuchtere Luft trifft dann eben auf die extrem kalte Luft aus Kanada und es gibt einfach enorm viel Schnee. Somit sind sogar solche regionalen Schneemassenrekorde Folge der globalen Erwärmung.  Das interessiert die Leute natürlich. Von den +26 Grad in New York im Februar – also Sommerwetter mitten im Winter – wird dagegen kaum berichtet. Das aber ist wiederum ein Rekordwert.

Naja. Uns kann das mit diesen Schneemassen so, aus diesem Grund zumindest, nicht passieren, da wir an der Westseite des Kontinents liegen und da kann nicht ganz so direkt warm-feuchte Ozeanluft auf extreme Kaltluft treffen. Meteorologisch gesehen eigentlich schade…

Nur ein Gewitter oder mehr? Bild: Ann Johansson

Nein! Das ist überhaupt nicht schade! Am 23. März ist „Weltwettertag“ oder auch „Welttag der Meteorologie“.  Es geht in diesem Jahr symbolisch gesprochen um Klimavorsorge. Was kann man darunter verstehen?

Es geht darum, dass wir uns auf die Klimaveränderungen, die passieren, rechtzeitig vorbereiten und uns nicht erst anpassen, wenn es zu spät ist. Das ist auch zu kostspielig. Der mittlere jährliche  Anstieg des Meeresspiegels liegt bei 3,3 Millimetern und er beschleunigt sich. Deswegen ist z. B. verstärkter Deichschutz, wie ihn der Generalplan Küstenschutz der Bundesländer Bremen und Niedersachsen vorsehen, sehr wichtig. Hier geht es darum, die Deiche auf Jahrzehnte sicherer zu machen, nicht nur durch eine Erhöhung, wie hier vor dem Klimahaus schon geschehen, sondern durch einen intelligenten Umbau.

Das heißt, auch bei uns an der Nordseeküste müssen wir Klimavorsorge betreiben?

Unbedingt! Die Eismassen schmelzen. Sie reagieren zwar mit Verzögerung, aber eben immer schneller. 3 Millimeter pro Jahr sieht man natürlich nicht. Speziell hier ist es sogar noch etwas mehr, das hängt mit den Auswirkungen der letzten Eiszeit zusammen.  Für unsere Region ist nämlich nicht nur der Meeresspiegel wichtig, sondern auch die Tatsache, dass sich hier das Land langsam senkt. Damit geht der Meeresspiegelanstieg an unserer Küste sogar noch schneller voran als im globalen Mittel. Umso wichtiger ist eine gute Deichwirtschaft.

Sie präsentieren zweimal täglich in Wetterstudio des Klimahauses Ihre Wettershow und sprechen auch viel über „Extremwetter“.  Wie reagieren die Besucher darauf?

Über das Wetter kann man ja mit allen sprechen, das finden die meisten sehr spannend. Besonders die Extreme, die es allgemein auf der Erde gibt, wie Wetterweltrekorde.  Oder die täglichen Extremtemperaturen, die man fortlaufend auf der Welt zu verfolgen kann. Im Moment herrscht in der Antarktis normales Herbstwetter mit Temperaturen von bis zu minus 67 Grad und mit Tageshöchstwerten von höchstens minus 55 Grad. Das ist der  Herbst dort und ganz normal, es ist nicht mal der Winter. Und das finden die Leute natürlich interessant. In der Sahara dagegen ist es zurzeit rund zwei bis vier Grad zu warm. Wichtig ist, zu verstehen: Es gibt generell auf der Erde viel mehr Regionen, die in Bezug auf das aktuelle Wetter zu warm statt zu kalt sind. Da sieht man den Klimaeffekt, die Tatsache, dass es ein dauerndes Übergewicht der zu warmen Regionen im Vergleich zu den zu kalten gibt. Ein weiteres Beispiel ist die Arktis, wo das Meereis einen der niedrigsten Stände erreicht hat, den es je im Winter gab. Der Winter war zum Teil 10 – 20 Grad wärmer in der Arktis als früher. Besonders unvorstellbar ist, dass es jetzt mitten im Winter immer mal wieder Temperaturen im Plusbereich mitten in der Arktis gab.

Unglaublich. Und wir hier hatten ja jetzt noch Minusgrade nahezu jeden Morgen! Apropos Meereis. Wollen wir ein Spaghetti-Eis essen?

Gerne. Wenn Sie nicht frieren?!

Gerne. Ich habe heute eine lange Unterhose an…

Holger Bockholt und Dr. Michael Theusner: Arbeit am (nicht ewigen) Eis.
Bild: Klimahaus

Das Interview mit Herrn Dr. Theusner hat irgendwie großen Spaß gemacht. Das Spaghetti-Eis-Essen (das ich bezahlt habe…) natürlich auch. Deshalb habe ich mich spontan entschieden, noch einmal die Wettershow von Herrn Dr. Theusner im Klimahaus Bremerhaven zu besuchen. Und die ist klasse! Hier sehe ich den größten je gemessenen Hagelkorn der Welt, so groß wie ein Fußball!

Und ich erfahre hier noch viel mehr über extreme Wetterphänomene und tolle Wetterrekorde aus der ganzen Welt. Und hier antwortet Herr Dr. Theusner  ganz freiwillig auf meine Fragen – auch ohne ein Eis…

 

 

Klimahaus Leben
Map