Wie das Spaghettieis nach Deutschland kam

Wenn ihr meine Eltern fragen würden, was mein Lieblingsessen als Kind gewesen sei, würden sie wohl antworten: Spaghettieis. Wie wohl jedes Kind in Deutschland freute ich mich an heißen Sommertagen auf den Besuch einer Eisdiele. Mittlerweile hat sich mein Blick auf die scheinbar selbstverständlichen kulinarischen Angebote in unserem Alltag, und somit auch auf eines der beliebtesten Ausflugsziele vieler Deutsche im Sommer, geändert. Früher war es das leckere Eis in lustiger Optik (das Auge isst ja bekanntlich mit), das mich glücklich machte. Heute frage ich mich eher, wie es dazu kam, dass der Besuch einer Eisdiele zur Selbstverständlichkeit geworden ist? Und was hat es mit dem Eis im Spaghetti-Look samt Tomatensoße und Parmesan eigentlich auf sich? Um beide Fragen zu beantworten, habe ich mich im Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven mit der Geschichte der Menschen hinter dem Eis befasst – den eingewanderten italienischen Eismachern.

Die Familie Olivier und das „Tal der Gelatieri“

Die Anzahl italienischer Eisdielen in Deutschland und die Migrationsgeschichten ihrer Gründer sind zahlreich – und doch gibt es Biografien, die aus der Masse herausstechen. So auch die von Silvio Olivier und seiner Familie. Im Deutschen Auswandererhaus ist Silvios Biografie eine von 33, mit denen ihr euch auf eine historische Zeitreise begebt und anhand von realen Familiengeschichten die Gründe und Ursachen für Aus- und Einwanderung in den vergangenen 300 Jahren erfahrt. Auf Spurensuche in einer detailgetreu rekonstruierten Ladenpassage aus dem Jahr 1973 findet ihr persönliche Objekte aus Silvios Leben, die Aufschluss geben über die Migrationsgeschichte seiner Familie. In einem Friseursalon etwa findet ihr ein Porträtfoto von Silvio als junger Mann in seinen Zwanzigern.

Porträt Silvio Olivier 1930er
Porträtaufnahme von Silvio Olivier aus den 1930er-Jahren. © Sammlung Deutsches Auswandererhaus / Leihgabe Nino Olivier

Wie der Großteil der „Gelatieri“ stammt Silvios Familie aus den Dolomiten, genauer gesagt: dem Zoldo-Tal. Der ein oder die andere dürfte die Dolomiten sofort mit Eis in Verbindung bringen. Mit drei Zinnen und drei Schichten aus Zitrone, Himbeere und Waldmeister – entsprechend der italienischen Nationalflagge – gab es zwischen 1973 und 1984 ein Eis, das wohl für eine Generation von Kindern unvergesslich bleiben wird: Dolomiti. Bei meiner Erkundungstour durch die Ladenpassage in unserem Erlebnismuseum habe ich es auch entdeckt. Auf einem Werbeplakat neben dem Kiosk am Eingang der Ladenpassage – Preis: 50 Pfennig. Die Hommage an die Gebirgsgruppe südlich der Alpen kommt nicht von ungefähr. Bereits vor über einhundert Jahren machten sich die Bewohner der Dolomiten jedes Frühjahr auf den Weg, um sich in Österreich, Deutschland oder sogar den Niederlanden als mobile Eisverkäufer verdient zu machen. So auch Silvios Großvater Valentino, der ab 1889 mit den typischen Handkarren in den Straßen Süddeutschlands Eis verkaufte. Gehen wir weiter durch die Ladenpassage, so finden wir in dem Fotostudio ein Fotoalbum, das die Migrationsgeschichte der Person und ihrer Familie bildlich dokumentiert – so auch diejenige der Oliviers.

Bild von Primo Olivier im Fotoalbum
Das Fotoalbum der Oliviers. Hier: Silvios Onkel Primo Olivier um 1909 mit einem Eiskarren in Süddeutschland. Auch wenn sie seltener geworden sind, so hat sich die Tradition des mobilen Eisverkaufs bis heute gehalten. © Deutsches Auswandererhaus / Foto: Magdalena Gerwien

Die Wanderarbeiter der Dolomiten

Schon vor Beginn des Eismacher-Handwerks hatte Saisonarbeit eine lange Tradition in den Dolomiten. Während die Männer im Winter heiße Birnen oder Maronen in den umliegenden Städten Norditaliens verkauften, wurde in den Sommermonaten Landwirtschaft betrieben oder in der Holz- und Eisenverarbeitungsindustrie gearbeitet. Um die Jahrhundertwende erhöhte sich die Anzahl der Wanderarbeiter, denn der Hauptwirtschaftszweig, die Herstellung von Schlössern und Nägeln, brach Ende des 19. Jahrhunderts ein. Immer mehr Talbewohner zog es deshalb während der Sommermonate in den Norden nach Österreich und Deutschland, um dort als Eisverkäufer ihr Glück zu suchen. Darunter auch Valentinos Sohn Giulio, Silvios Vater, der 1910 in Rastatt bei Karlsruhe eine Eisproduktionsstätte unterhielt. Zu der Zeit wurde das Eis noch vor Ort produziert, bevor es auf die Eiswagen aufgeteilt und in der Gegend verkauft wurde. Eisdielen entstanden erst in den 1920er-Jahren, nachdem der Verkauf auf den Straßen von staatlicher Seite aus verboten worden war. Die erfinderischen „Gelatieri“ funktionierten kurzerhand die Fenster in ihren Erdgeschosswohnungen mit Hilfe von Holzdielen zum Verkaufsstand um – die „Eisdiele“ war geboren.

Silvios Vater Giulio an einer Eismaschine 1913
Silvios Vater Giulio (re.) und Silvios Onkel Clemente an einer Eismaschine um 1913 in Süddeutschland. © Sammlung Deutsches Auswandererhaus / Leihgabe Nino Olivier

Die Jahre 1914-1943: Rückschlag und die „goldenen Jahre“

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zwang die Oliviers, wie meisten italienischen Eisverkäufer, wieder nach Italien zu fliehen. Erst in den 1920er-Jahren zog es viele italienischer Eismacher wieder nach Deutschland. Abermals waren es vor allem wirtschaftliche Nöte, die die Bewohner der Dolomiten in den Norden trieben. Auch Silvio zog zu Beginn der 1930er-Jahre nach Deutschland und gründete im sächsischen Werdau eine Eisdiele. Es begannen die ersten „goldenen Jahre“ des Eisverkaufs. Mehr und mehr Eisdielen öffneten ihre Pforten und schon bald waren nicht mehr nur die Männer während der Saison auf „Achse“, sondern auch ihre Frauen halfen bei der Bewirtschaftung und Bedienung in den Lokalen, während die Kinder in Italien bei den Großeltern blieben.

Familie Olivier in ihrer Eisdiele in Werdau
Der Familienbetrieb Olivier in Werdau um 1949 – v.l.n.r.: Silvio, seine Frau Maddalena, Onkel Massimo und sein Sohn Nino. © Sammlung Deutsches Auswandererhaus / Leihgabe Nino Olivier

Die Nachkriegszeit: Wirtschaftswunder und „Fresswelle“

Doch die „goldenen Jahre“ sollten schon bald vorbei sein. Half die politische Nähe zwischen den beiden faschistischen Regimes in den 1930er-Jahren noch dem Zuzug der italienischen Eisverkäufer, so zerbrach die Koalition 1943 nach dem Sturz Mussolinis und viele Italiener verließen Deutschland gen Heimat. Silvio hingegen bleibt, flieht 1953 in den Westen und landet in Wolfsburg. Noch zehn Jahre bevor die ersten italienischen Gastarbeiter in der Autostadt eintreffen, eröffnet Silvio am 7. Oktober 1953 sein Eis-Café „Olivier“. Die 1950er- und 1960er-Jahre sollten einen neuen Höhepunkt für die italienischen Eisdielen markieren. In den Jahren des Wirtschaftswunders führte die Sehnsucht nach Genuss und Lifestyle die Menschen in Scharen in die Eisdielen. Ein „Boom“, der bis heute nie wirklich abgeflacht ist. Und so langsam kommen wir auch der Geburtsstunde „meines“ Spaghettieises näher.

Eis-Café Olivier in der Ladenpassage im Deutschen Auswandererhaus
Das Eis-Café „Olivier“ im Auswandererhauses. Hier stehe ich vor der dem rekonstruierten Schaufenster samt Reklame aus dem Lokal der Oliviers in Wolfsburg. © Deutsches Auswandererhaus / Foto: Magdalena Gerwien

Die Geburtsstunde des Spaghettieises – Made in Germany

Allerdings waren es nicht die Oliviers, die zu dieser genialen Idee kamen. Es war Dario Fontanella aus Mannheim, ein „Maestro Gelatieri“, wie er sich selbst bezeichnet. Aber wie der Zufall es will, stammt auch Dario aus einer Eismacher-Dynastie aus dem Zoldo-Tal. Sein Großvater Michelangelo eröffnete 1906 in Venedig eine Eisdiele. Sein Vater Mario folgt fast 30 Jahre später in dessen Fußstapfen und gründet 1933 ein Eislokal in Mannheim. Auch Dario widmet sich dem „Gelato artigianale” und hält damit die Familientradition hoch. Als begeisterter Skifahrer ist er häufig in der Schweiz und bestellt sich eines Tages in einem Hotel ein sogenanntes „Mont Blanc“ – eine Süßspeise aus pürierten Maronen, die auf den ersten Blick eine verblüffende Ähnlichkeit mit Fontanellas späterer Eiskreation hat.

Mont Blanc
Hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Spaghettieis – die Süßspeise „Mont Blanc“

Begeistert von der fluffigen Konsistenz und Form des Desserts, informiert er sich bei der Wirtin über dessen Zubereitung. Das Geheimnis? Eine Spätzle-Presse, durch die das Eis vor dem Anrichten gedrückt wird. Zurück in Mannheim, macht sich der erst 17-jährige Dario sogleich ans Experimentieren – doch die ersten Versuche scheitern. Als er Erdbeer-, Zitronen- und Pistazieneis durch die Presse drückt, um ein Eis in den Farben der Tricolore zu kreieren, ist das Ergebnis: Matsch. Schnell kommt Dario hinter den Trick: Die Spätzle-Presse muss gekühlt sein. Beim erneuten Versuch ist er erfolgreich und Dario gelingt es, die Eissorten in Spaghettiform zu pressen, ohne dass die Eismasse zerläuft. Sein Vater Mario ist zunächst jedoch skeptisch. Spaghetti in den Farben der Tricolore? Das habe er noch nie gesehen. Sein Vorschlag: Vanilleeis, um nicht nur die Form, sondern auch die Farbe der Nudeln perfekt zu imitieren. Gesagt, getan. Der Rest war dann nur noch eine Formalität, um den heute bekannten Look des Spaghettieises zu vervollständigen: Erdbeerpüree für die Tomatensoße und geraspelte weiße Schokolade für den Parmesankäse. Es sollte der 7. März 1969 sein, als Dario Fontanella das erste Mal in seiner Eisdiele ein Spaghettieis serviert. Obwohl es heutzutage das meistverkaufte Eis in Deutschland ist, wurde er mit seinem Genie-Streich nie reich. Dario ließ sich seine Erfindung nicht patentieren. Bereut habe er es jedoch nie. Der Stolz über die einzigartige Eis-Kreation überwiegt bis heute.

Eis – mehr als nur ein süßer Genuss?

Und so endet zumindest die Geschichte über die Erfindung des Spaghettieises, einer „italienischen“ Eiskreation made in Germany. Ohne die lange und sehr wechselhafte Migrationsgeschichte der italienischen Eismacher aus den Dolomiten würden heute nicht nur die Eisdielen in den deutschen Innenstädten fehlen, sondern Millionen Kinder, inklusive mir, wären niemals in den Genuss von Fontanellas Eis-Schöpfung gekommen. Doch es ist nicht nur der Eisgenuss, der fehlen würde. Es sind die Erinnerungen, die man mit Essen verknüpft, die auf einmal nicht mehr da wären. Für die Auswanderer selbst ist insbesondere die eigene Küche als kulinarische Heimat ein Erinnerungs-„Ort“, den sie immer mit sich tragen und in der neuen Heimat wiederaufleben lassen bzw. teilen können. Vielleicht kann einen auch genau deshalb die Geschichte über ein „einfaches“ Eis mehr berühren als man denkt. Die Geschmäcker, Gerüche sowie zwischenmenschlichen Bindungen und Emotionen, die wir mit Essen assoziieren, prägen unser Leben. Für Silvio Olivier ist es vor allem das Eis und dessen Herstellung gewesen, das seine Familiengeschichte durch die Jahrzehnte begleitete. Gemeinsam mit Silvios Biografie könnt auch ihr euch im Deutschen Auswandererhaus auf eine Zeitreise durch die Migrationsgeschichte der Oliviers begeben und mehr über die Herkunft der italienischen Eismacher erfahren.

Von Dominik Laupichler, Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven – Text: Dominik Laupichler

Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven
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März bis Oktober: 10 bis 18 Uhr (montags bis sonntags)
November bis Februar: 10 – 17 Uhr (montags bis sonntags)

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