Von nun an ist alles ANDERS!

Das Kunstmuseum Bremerhaven putzt sich mit neuen, alten Kunstwerken heraus und erfindet sich wieder einmal neu. Dem Publikum werden in der neuen Dauerausstellung ANDERS nie gezeigte und auch zum Teil bis dahin unbekannte Werke von namenhaften zeitgenössischen Künstlern*innen präsentiert. Die künstlerischen Positionen, die den Besucher in 14 Ausstellungsräumen erwarten sind von ganz unterschiedlicher Art: Rauminstallationen, zarte Zeichnungen, Öl- und Acrylgemälde, fragile Holzobjekte und Bananenkisten. So unterschiedlich die Arbeiten auch sein mögen, so haben sie auch vieles gemeinsam. Sie alle verbindet die Seestadt Bremerhaven. Ob der oder die Künstler*in hier geboren wurde, als Stipendiat zu uns gekommen ist, früh in Bremerhaven ausgestellt oder sich die Seestadt zum Thema gemacht hat, in der neuen Dauerausstellung finden sie zusammen.

Der erste Blick und die ersten Begegnungen

Mit dem ersten Schritt in die neue Ausstellung ist der Besucher auch schon gleich im Geschehen. Begrüßt werde ich von einer riesigen Leinwand, welche das Innere der benachbarten Kunsthalle zeigt. Die Kunsthalle integriert im Kunstmuseum. Gefällt mir. Langsam füllt sich der leere Raum auf der Leinwand und vermutlich erkennt sich der ein oder andere sogar wieder. Die Aufzeichnung zeigt die Ausstellungseröffnung von „SPIN/ CIRCLE/ ABSTRACTS“ des gebürtigen Bremerhaveners Christian Haake (*1969) aus dem Jahr 2015. Das gefilmte Flanieren der Besucher im Eingangsbereich gehörte auch zur damaligen Ausstellung und wurde durch ein bestimmtes Videoverfahren im oberen Stockwerk der Kunsthalle wiedergegeben. Der Künstler spielt hier mit der räumlichen Wahrnehmung und Wirklichkeit.

Kunstverein Bremerhaven, Ausstellungseröffnung von „SPIN/ CIRCLE/ ABSTRACTS“ des Künstlers Christian Haake aus dem Jahr 2015 (Foto: Kim Rothe)

Verstärkt wird dieser Eindruck durch den „Bilderrahmen“, der durch seine Anwesenheit an der Decke die Halle in ein stuckverziertes Palais verwandelt.
In der jetzigen Ausstellung im Kunstmuseum wird die Arbeit auf eine weitere Ebene gehoben bzw. ihr wird eine weitere Dimension hinzugefügt. Der abgebildete Ausstellungsraum wird zur Bühne und die Besucher sind nun mehr als Protagonisten, sie sind zu einem wichtigen Bestandteil eines künstlerischen Prozesses geworden.

Du wunderbares Bremerhaven

Im Nebenraum erwarten mich Malerei, Fotografien und zwei Installationen. Dieser Raum bringt Künstler*innen zusammen, die aus unterschiedlichen Blickwinkel und Zeitpunkten auf Bremerhaven und ihre Traditionen blicken. Mein Blick schweift umher und bleibt an dem Gemälde von Michael Bach (*1953) hängen, mit dem Titel „Bremerhaven“ von 1996 und zeigt die vertrauten Wohntürme des Columbus Centers. Die Inszenierung der zwei von drei Bauten im Bild ist steif, plakativ und raumfüllend.

Frontalansicht auf das Gemälde „Bremerhaven“ von Michael Bach aus dem 1996 (Foto: Kim Rothe)

Diese dominante und übergeordnete Rolle nimmt der Komplex auch im realen Stadtbild ein. Das zusätzliche Fehlen von jeglichen Lebensformen zeigt die Fokussierung des Künstlers auf das reine Objekt. Dadurch bekommt der Betrachter das Gefühl, dass es dem ehemaligen Gerhard Richter Schüler nicht um den markanten Bau, sondern rein um die malerische Darstellung geht.

Die Handschrift des Künstlers: die Pinselstriche und der Farbeauftrag. Bildausschnitt „Bremerhaven“ von Michael Bach (Foto: Kim Rothe)

Bei einer genauen Betrachtung werde ich die einzelnen Pinselstriche gewahr. Ich muss daran denken, dass die Beziehung, die die Bremerhavener zu dem Columbus Center haben, ebenso vielschichtig ist wie die Farbe auf der Leinwand. Manche mögen es, vermutlich die, die den Ausblick von dort oben genießen können; andere wiederrum können ihren Anblick nur schwer ertragen, da es den Blick auf das Wasser verwehrt.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes erspähe ich etwas sehr Vertrautes.
Eine große Menge an unterschiedlichen Bananenkisten, aufgestapelt zu einem hohen Berg in der Ecke. Jeder Bremerhavener versteht dessen stadtgeschichtliche Bedeutung. Für den nicht ortsansässigen Besucher hängen neben der Installation von Jochen Krüger (*1950) als Hilfestellung drei eingerahmte Papierarbeiten. Auf grünem Papier steht mit großen, gelben Lettern „BANANEN AN BORD“ geschrieben.

Blick in Ausstellung, „Bananen an Bord“ der Befehl zum Aufstapeln von Jochen Krüger (Foto: Kim Rothe)

Die Arbeit zeigt, dass etwas zunächst banal Wirkendes, vielleicht sogar unspektakuläres, zu einer Projektionsfläche einer ganzen Stadt werden kann. In diesem Fall sind es Bananenkisten, die jahrzehntelange schwere körperlicher Arbeit symbolisieren und somit ein wichtiger Teil der Bremerhavener Hafengeschichte sind.

Zeit und Raum

Ich schreite voran, lande im ersten Obergeschoss und sehe dort einen alten Bekannten der Kunstgeschichte: den Worpsweder Künstler Otto Modersohn (*1865-†1943). Auch die Künstlerkolonie, bei der Otto Modersohn beteiligt war, gehört zum Umland von Bremerhaven. Der Dichter Rainer Maria Rilke sah in Worpswede einen „Himmel von unbeschreiblicher Veränderlichkeit und Größe“ und damit sagte er alles aus. Mein Blick schweift von Gemälde zu Gemälde und ich sehe Wiesenlandschaften, Wälder, ein gemütliches Beieinander auf einem Fest und spüre regelrecht die romantischen Sehnsüchte von damals. Unterbrochen wird die Reihe der Landschaftsmalerei von einer Videolandschaft der Künstlerin Z. Schmidt (*1979). Diese zeigt, wie ihre Hand eine reale Landschaft mit einem Pinsel weiß übermalt. Ich muss über das offensichtliche Wortspiel schmunzeln.

Ausstellungswand, Otto Modersohn im Zusammenspiel mit der Videokünstlerin Z. Schmidt (Foto: Kim Rothe)

Nach der kleinen Reise ins 19. Jahrhundert verweile ich einen Augenblick in den 90er Jahren und mir wird deutlich vor Augen geführt, dass es bei Weitem um mehr geht, als um die Kultur und Traditionen einer Stadt. Es ist auch die Zeit und der Raum, indem sich eine Gesellschaft und ihre Bewohner bewegen.
Der Künstler Norbert Schontkowski (*1949- †2013) bringt es auf seiner Leinwand auf den Punkt „A short moment in time“ von 1992.

Bildausschnitt, „a short moment in time“ von Norbert Schontkowski (Foto: Kim Rothe)

„Durchbruch durch Schwäche II“ von Alicja Kwade (*1979) lässt den Besucher durch die Zeit gehen. Kleine, große aus Messing oder Bronze, moderne und historische Uhrengewichte hängen von der Decke des Ausstellungsraumes. Die Ketten, an denen die Gewichte hängen durchspannen den Raum und durchdringen sogar den Fußboden. Wenn ich es wagen würde sie zu berühren, oder auch andere Besucher, dann würden sie unterschiedlich schwingen. Mal langsam, mal schnell, für jeden verschieden.

Detail aus „Durchbruch durch Schwäche II“ von Alicja Kwade (Foto: Kim Rothe)

Minimalistische Liebe

Dem Besucher wird auffallen, dass die Wände der Ausstellungsräume durch ihre farblose Reinheit den künstlerischen Arbeiten jeglichen Freiraum lassen. Sie beengen nicht, sie weiten den Blick und geben den einzelnen Werken Raum und Zeit sich zu entfalten. So auch auf der nächsten Etage. Die minimalistische Metallarbeit an der Wand von Dirk Bell (*1969) mit dem Titel „EVOLOVE“ von 2007 erinnert an das Motiv von Robert Indiana aus den 60er Jahren und ist doch etwas ganz Eigenes. Die Inszenierung der ineinandergefügten Buchstaben und die unterschiedliche Lesart des Wortes „LOVE“ scheint  so unendlich wie die Liebe selbst.

All We Need Is Love! Wandskulptur „EVOLOVE“ von Dirk Bell (Foto: Kim Rothe)

Und dann ist noch weniger noch mehr! Ich begegne Raimund Girke (*1930-†2002) und seinen monochromen Arbeiten. Gerahmte Blätter die in einem Grauton getaucht sind, die einen wieder vor Augen führen, dass das Leben nicht aus Schwarz und Weiß besteht. Wie in einem Nebel bewege ich mich von Bild zu Bild. Und dann treffe ich doch auf eine weiße malerische Fläche, die von feinen, angedeuteten, senkrechten Striche unterbrochen ist. Das Auge kann sich an nichts Konkretes heften, alles ist frei und weit. Das Gefühl nehme ich mit.

„Ohne Titel“ von Raimund Girke, braucht es auch nicht, allein das Gefühl zählt (Foto: Kim Rothe)

Holzstäbe und der Sinn des Lebens

Nach der Zeit, dem Raum und Liebe gelange ich zum Sinn. Mein Blick fällt auf unterschiedlich lange, dünne Holzstäbe, die an der Wand gelehnt sind und irgendetwas zieht mich in ihren Bann. Wie ich der Betitelung entnehmen kann, wurden die Stäbe von dem Künstler Karl-Wilhelm Wiebke (*1944) bunt und wild bemalt. Dennoch wirken sie nicht schrill oder aufdringlich. Sogar eher leicht stehen sie im Raum.

Frontalansicht der Holzstäbe von Künstler Karl-Wilhelm Wiebke (Foto: Kim Rothe)

Ich stelle mich direkt vor die Stäbe und frage mich, warum mich diese Arbeit so fasziniert. Ich laufe nach links, nach rechts, gehe mal näher ran. Ist es die Einfachheit der Darstellung oder doch die Farbvielfalt?
Die Stäbe können unterschiedlich variiert werden, so will es der Künstler. Es gibt keinen Anfang, nur viele Möglichkeiten, viele Farbvarianten und kein Ende. Vielleicht ist es dieser Zustand, der mich beruhigt. Das Nichts wirklich endet!?

Mit diesem Werk endet für mich der Rundgang einer sehenswerten Ausstellung, eine Wanderung durch die Stadtgeschichte Bremerhavens, eine Reise durch Raum und Zeit und es schließt sich für mich der Kreis….oder eben auch nicht.

Kunst-Tipp
Seit dem 4. März 2018 ist die Dauerausstellung ANDERS in der Karlsburg 1 in Bremerhaven eröffnet. Öffnungszeiten / Kontakt und alle weiteren Infos unter: www.kunstverein-bremerhaven.de/kunstmuseum-de

 

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