Vom Rad auf den Fisch gekommen

Höre ich nur die Stimme von Ingrid Gottschalk, würde ich sie nicht hier im Herzen des Schaufensters Fischereihafen in Bremerhaven vermuten. Die gebürtige Freiburgerin spricht nach wie vor ihren heimischen Dialekt. Vor Jahrzehnten kommt Ingrid aus dem Breisgau zu uns in den hohen Norden. Hier ist das sympatische Energiebündel über viele Zwischenstationen vom Rad auf den Fisch gekommen. Manch einer von Euch hat sie sicher schon in dem rot-weiß gestreiften Turm, dem kleinen Leuchtturm, im Schaufenster Fischereihafen gesehen und vielleicht schon das eine oder andere Fischbrötchen bei ihr gekauft.

Spontanität ist einer ihrer Stärken

Im Jahr 1979 lernt Ingrid während eines Besuchs in Bremerhaven ihren jetzigen Mann Klaus kennen. Es dauert nicht lange, und die beiden verlieben sich ineinander. Ingrid bricht alle Zelte im Süden ab und zieht noch im gleichen Jahr an die Küste. Beruflich unterstützt sie ihren Mann, der einen Spielwarenladen mit Toto und Lotto betreibt. Unbekanntes kann sie nicht schrecken, und so stürzt sie sich in immer neue berufliche Aufgaben. Zuerst im gesagten Laden. Später folgt ein Fahrradladen im Süden Bremerhavens, im Stadtteil Wulsdorf.

Stillstand bedeutet Rückschritt

Der Fahrradladen mausert sich immer mehr. Trotzdem schafft Ingrid es, sich ihrem Hobby zu widmen. Sie erwirbt zahlreiche Zertifikate in Töpfer-, und Gießkeramikkunst, in der Porzellanmalerei und Puppenherstellung. Neben Fahrradverkauf und -reparatur gibt es jetzt auch Keramik und Porzellan im Fahrradladen zu kaufen. Das macht Ingrid so viel Spaß, dass sie von nun an auch Kurse gibt. Die Räumlichkeiten werden schnell zu klein. Ingrid mietet einen Kursraum im Wein- und Spirituosenhandel Lorenzen an. Aber auch der platzt schnell aus allen Nähten. Der neue Laden befindet sich in Sichtweite schräg gegenüber in der Rickmersstraße.

In Bremerhaven lässt es sich gut radeln (c) Tanja Mehl

Neuer Standort im Fischereihafen

Radtourismus erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Der erste Hotelier fragt im Jahr 2000 an, ob sie auch Fahrräder vermieten. Klaus ist zuerst dagegen. Doch Ingrid begeistert sich für die Idee und baut ein weiteres Standbein auf. Durch einen Zufall lernt sie den damaligen Leiter der Bremerhaven Touristik kennen. Schnell visieren die beiden „Macher“ das nächste Ziel an. Eine Radstation im Schaufenster Fischereihafen soll eröffnet werden. Gesagt – getan! Die Radstation entsteht an der Hafenseite. In den Bürocontainern wird neben der Radstation auch die zweite Tourist-Info eröffnet. Auch nach dem Umzug ins damalige Forum Fischbahnhof und anschließend in die heutige Tourist-Info bleibt diese Zusammenarbeit bestehen.

Tourist-Info und Radstation im Schaufenster Fischereihafen (c) Ingrid Gottschalk
Radstation und Tourist-Info Schaufenster Fischereihafen (c) Ingrid Gottschalk

Kundenwünsche werden wahr gemacht

Die kommunikative, lebenslustige Ingrid liebt den Austausch mit den Gästen. Klar, dass sie dabei auch immer genau hinhört, was der Kunde wünscht. So wird das ursprüngliche Radsortiment schnell erweitert. Hinzu kommen verschiedene Radgrößen, Kinderräder, Zubehör, E-Bikes, Bollerwagen, Radtransport und vieles mehr. Logisch, dass Ingrid stets auch den passenden Tipp für den jeweiligen Kunden hat. Egal, ob dieser nur mal eine entspannte Runde durch unsere schöne Stadt dreht oder ambitioniert etliche Kilometer abradelt.

Die nächste Generation kommt mit ins Boot

2008 übernimmt Sohn Marc die Radstation. Das ist natürlich kein Grund für Ingrid, sich auf die faule Haut zu legen. Ich glaube, dann würde sie auch eingehen wie ein Fisch auf dem Trockenen. So bekommen die Kunden den Inhaberwechsel auch gar nicht mit, denn Ingrid steht unverändert jeden Tag in der Station.

Marc, der Inhaber, im kleinen Leuchtturm im Schaufenster Fischereihafen (c) Ingrid Gottschalk

Liebe geht durch den Magen

Vielleicht kennt ihr das ja selbst. Man weiß gar nicht so recht, was einem fehlt, bis man es vor der Nase hat. So in etwa ergeht es auch Ingrid. Bei ihrem täglichen Dienst im Schaufenster Fischereihafen hat sie ständig den kleinen Leuchtturm vor der Nase, in dem Fischbrötchen verkauft werden. Lecker! Eine neue Idee entsteht – der Fischbrötchenverkauf. Oft holt Ingrid sich in ihrer Pause ein knuspriges Brötchen, belegt mit Leckerbissen aus dem Meer. Gegessen wird es gleich aus der Hand. Dabei sitzt sie auf den Stufen, die zum Fischereihafenbecken runter führen. Das Auge schweift über das Hafenbecken mit seinen Booten und Schiffen darin. Eine leichte Brise macht den Kopf frei und über ihr kreisen die Möwen am Himmel. Die hoffen zweifellos darauf, einen Leckerbissen abgreifen zu können.

Hartnäckigkeit zahlt sich aus

Im Schaufenster Fischereihafen kennt man sich. So erzählt der Fischbudenbesitzer, dass er sich zur Ruhe setzen und den Betrieb verkaufen will. Doch immer wieder verzögert sich dieses Vorhaben. Ingrid bleibt am Ball. Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit sind zwei weitere ihrer Stärken. 2017 ist es dann endlich so weit – der Turm wird gekauft! Ingrid ist vom Rad auf den Fisch gekommen. Marc wird auch hier Inhaber und Ingrid die Frau an der Front.

Andrang auf die leckeren Fischbrötchen im kleinen Leuchtturm im Schaufenster Fischereihafen (c) Mailin Knoke

Verlässliche Qualität ist ihr wichtig

Als Geschäftsfrau legt Ingrid Wert auf verschiedene Faktoren. Zum einen müssen verlässliche und gleichbleibende Qualität gewährleistet sein. Zum anderen soll der Kunde regionale und typische Speisen erhalten. Ehrlich, lecker, typisch und ohne Chichi! So probiert sie 2017 unterschiedliche Produkte, testet und trifft gemeinsam mit Marc die entsprechenden Entscheidungen. Es dauert seine Zeit, bis alles passt, aber dann steht das Sortiment. 2018 startet sie in mit verschiedenen Fischbrötchen in die erste Saison. Schnell wissen Bremerhavener und Auswärtige die frischen Fischbrötchen zu schätzen.

Nur eine kleine Auswahl der verschiedenen, knackigen Fischbrötchen im kleinen Leuchtturm im Schaufenster Fischereihafen (c) Ingrid Gottschalk

Es bleibt nicht nur beim Fischbrötchen

Mittlerweile hat sie viele Stammkunden. Diese schätzen nicht nur die leckeren Fischbrötchen. Immer hat sie ein Ohr für ihre Kunden. Aufmerksam hört Ingrid zu und interessiert sich für ihr Gegenüber. Dabei ist es egal, ob es einheimische Stammkunden sind oder ein Tourist, der vielleicht nur einmal an ihren Stand kommt (wobei wir uns sicher sind, dass ein Gast, der einmal Bremerhaven besucht hat, auch wiederkommen wird).

Ihr Tag hat mehr als 24 Stunden

Ich frage mich immer, wie der Wirbelwind Ingrid das alles schafft. Bereits um 7.30 Uhr holt sie täglich frischen Salat. Danach wird die Ware aus dem Fischereihafen besorgt. Kurze Zeit später bekommt sie die Krabben geliefert und backt im Anschluss die ersten Brötchen. Auch wenn der Turm noch geschlossenen Turm ist, um drinnen alles frisch vorzubereiten, klopfen oft schon die ersten Kunden an und fragen, ob sie nicht doch schon ein Fischbrötchen bekommen könnten. Wenn dann die Schotten geöffnet werden, strahlt Ingrid mit der Sonne um die Wette und die Kunden an. In der Regel schließt sie, wenn die letzte HafenBus-Tour startet (es kann aber auch später werden). Dann steht noch ausgiebiges Putzen auf dem Programm.

Fischbrötchen aus Bremerhaven – woher denn sonst?

Zu ihren Stammgästen zählen auch solche, die nicht ständig in der Seestadt sind. So meldet sich regelmäßig ein Taxifahrer aus Bremen, wenn er wieder mal eine Tour nach Bremerhaven hat. Er bestellt dann telefonisch Fischbrötchen, die er auf der Heimfahrt für sich und seine Kollegen mit nach Bremen nimmt. „So gute Fischbrötchen bekomme ich in Bremen nicht“, sagt er, wenn er die Ware in die Hand nimmt und ihm das Wasser schon im Munde zusammenläuft.

Sie muss einen großen Hut haben…

Das klingt erst einmal nach einem normalen Arbeitstag. Hinzu kommen jedoch logischerweise Buchführung und ihr zweites Steckenpferd, die Radvermietung. Dazu ist sie fast rund um die Uhr auf dem Handy erreichbar. Ganz nebenbei müssen die Räder dann oft zum Kunden gebracht oder von dort abgeholt werden, wenn beispielsweise Gäste mit der Fähre ankommen und vom Fähranleger starten wollen. Wie sie das alles unter einen Hut bekommt, habe ich auch nach so vielen Jahren, die wir uns mittlerweile kennen, nicht begriffen.

Ein großes Herz…

hat sie auf jeden Fall! Wenn ihr nun auch einmal Lust auf ein herzhaftes Fischbrötchen und einen Plausch habt, schaut doch gern bei Ingrid am kleinen Leuchtturm im Fischereihafen vorbei. Ihr müsst dann nur noch die Wahl treffen. Entscheidet Euch zwischen Fischbrötchen mit Bismarck- oder Brathering, Fischfrikadelle, Krabben, Allrauch- oder holländischen Matjes, See- oder Räucherlachs, Krabben und Lachszöpfen. Kleiner Tipp: Ingrids Lieblingsbrötchen ist immer noch das mit den Lachszöpfen.