Verzweiflung und Hoffnung im Gepäck der Auswanderer

Im Gepäck: Verzweiflung und ein winziges Stückchen Hoffnung. Im Körper: ein bleiern schweres Herz. Im Gesicht: ein trauriger Blick zurück und ein ängstlicher Blick voraus. So standen über 7,2 Millionen Auswanderer in den Jahren von 1830 bis 1974 an der Kaje von Bremerhaven, um eine Reise in eine ungewisse Zukunft in die Neue Welt anzutreten. Sie mussten auf ihrem Weg der Auswanderung alles hinter sich lassen. Familie, Freunde, Besitz und die liebgewonnene Heimat. Was sie erwarten würde, wussten sie nicht.

Auswandererdenkmal in Bremerhaven (c) Tanja Albert

Vater blickt in Richtung Neue Welt, die Mutter und das Kind sorgenvoll zurück. Auswandererdenkmal in Bremerhaven (c) Tanja Albert

Wenn die Not größer wird als die Angst

Betreten stehen mit mir dreizehn Instagrammer an der Ostkaje des Neuen Hafens. Norbert Fiebig, Gästeführer des Deutschen Auswandererhauses, führt uns zusammen mit seinem Kollegen, Manuel Krane, bei unserem InstaWalk in die Vergangenheit. Anschaulich vermittelt er uns einen Eindruck von der Not, Verzweiflung und der Hoffnung der Auswanderer. Das gelingt ihm so gut, dass unsere ausgelassene Stimmung in betretenes und nachdenkliches Schweigen umschlägt. Heute steht an diesem historisch bedeutenden Ort das Deutsche Auswandererhaus. Ein Erlebnismuseum, dass die Besucher anhand von 18 Biografien die Geschichte der Auswanderung nachempfinden lässt. Im Erweiterungsbau werden 330 Jahre Einwanderungsgeschichte lebendig. Themen, die heute aktueller denn je sind.

Teilnehmer des InstaWalks Deutsches Auswandererhaus (c) Tanja Albert

Die Instagrammer gehen an Bord der „Lahn“ beim InstaWalk Deutsches Auswandererhaus (c) Tanja Albert

Der letzte Schritt vom Heimatland auf die Gangway

Wir machen uns bewusst, dass es in den Auswanderungsjahren 1830 bis 1947 kein Internet gab und auch Fernsehen erst später Einzug hielt. Dass Reisen ein Luxus war, den sich kaum jemand leisten konnte. Die Menschen hatten also kaum Kenntnis von anderen Ländern und den Menschen dort. Das Wenige, was bekannt war, erfuhren sie über Mund zu Mund-Propaganda oder vielleicht mal hin und wieder etwas aus der Zeitung. Wenn aber die Not zu Hause immer größer wurde, es an Arbeit fehlte, das Einkommen nicht mehr gesichert war und die Familie letztendlich von Hunger geplagt auf den Ruin zuschlitterte, musste nach neuen Möglichkeiten gesucht werden. Millionen kratzten also ihr letztes Hab und Gut zusammen, um sich auf den Weg in den hohen Norden, nach Bremerhaven, zu machen. Am Anfang kamen die Menschen mit Pferdefuhrwerken nach Bremerhaven. Sie hatten eine lange, beschwerliche und gefährliche Reise hinter sich. In Bremerhaven mussten sie versuchen, ein Bett in einem der 160 Gasthäuser, die es zu dieser Zeit in Bremerhaven gab, zu ergattern. Aber das kostete Geld und das wurde für die Fahrkarte für die Überfahrt benötigt.

Zu dieser Zeit fand die Auswanderung mit Segelschiffen statt. Die langwierige Anreise und die unzuverlässigen Zeiten der Schiffe führten dazu, dass die Menschen hier oft Wochen auf ihre Abreise warten mussten. Wochen, in denen ihr Geld immer mehr schwand. Geld, dass sie für ihren Neuanfang in der Neuen Welt benötigen würden.

Speisesaal der dritten Klasse (c) Tanja Albert

Speisesaal der dritten Klasse. InstaWalk Deutsches Auswandererhaus (c) Tanja Albert

Fortschritt lindert die Not

1862 wurde die Geestebahn in Betrieb genommen, die von Bremen nach Geestemünde und von dort weiter bis in die heutigen Havenwelten führte. Überall im Land wurden mehr und mehr Bahngleise verlegt. Das erleichterte die Anreise der Auswanderer nach Bremerhaven und auch die Zeiten ließen sich besser und verlässlicher planen. Am Standort der heutigen Hochschule Bremerhavens entstand das damalige Auswandererhaus. Eine Herberge, in der zweitausend Menschen Unterkunft fanden, während sie auf ihre Ausreise warteten. Und von der Wartehalle, etwa dort, wo heute der Zoo am Meer ist, führte ein überdachter Wandelgang zum Schiff.

Privates auf engstem Raum an Bord der Schiffe. InstaWalk Deutsches Auswandererhaus (c) Tanja Albert

Keine Privatsphäre an Bord der frühen Auswandererschiffe (c) Tanja Albert

Statt eines Neuanfangs kam oft der Tod

Die Überfahrt mit einem Segelschiff erscheint uns heute unvorstellbar. Bis zu 400 Passagiere traten eine sechs- und zwölfwöchige Reise an. Eingepfercht im Frachtraum des Schiffes. Kein Tageslicht, keine Frischluft, keine Toiletten, keine Waschmöglichkeit, keine Privatsphäre. Statt dessen Enge, Gestank und Krankheiten. Anfänglich gab es auch keine Verpflegung für die Passagiere. Sie mussten sich selbst Essen und Wasser mitbringen. Doch wie und wo sollte das sicher verstaut werden? Und hatte man genug mit, wenn die Dauer der Überfahrt um sechs Wochen variieren konnte? Ich vermag mir nicht auszumalen, was sich im Bauch der Schiffe für Nöte, Dramen und auch Übergriffe abgespielt haben müssen. Bis zu zehn Prozent der Auswanderer starben bei diesen Überfahrten. Die Nöte waren bekannt, und so wurde 1832 eine Verordnung für bestimmte Standards erlassen. Eine davon war, dass auf den Schiffen Proviant für 90 Tage vorgehalten werden musste.

Decksstühle und Koffer auf einem Dampfschiff im Deutschen Auswandererhaus (c) Tanja Albert

Decksstühle und Koffer eines Dampfschiffs im Deutschen Auswandererhaus (c) Tanja Albert

Dampfschiffe lösen Segelschiffe ab

1857 wurde der Norddeutsche Lloyd gegründet, um eine direkte Dampferlinie nach New York zu betreiben. Am 19. Juni 1858 trat der erste Lloyddampfer die Reise über den Atlantik an. Mit vier Dampfschiffen wurde nun ein vierzehntägiger Dienst nach New York eingerichtet. Eine bahnbrechende Entwicklung! Statt der mehrwöchigen Überfahrt benötigte zum Beispiel die „Columbus“ nur noch vier bis sechs Tage. Bis zu 2.000 Menschen fanden, untergebracht in drei Klassen, Platz an Bord.

Die Teilnehmer des InstaWalks Deutsches Auswandererhaus (c) Tanja Albert

Norbert Fiebig mit den Instagrammern vor dem Bildschirm mit den Fragen, die über die Einwanderung in Amerika entschieden (c) Tanja Albert

In New York wurden Auswanderer zu Einwanderern

Doch auch mit diesem neu gewonnenen Luxus war der Neuanfang noch nicht gesichert. Die Passagiere der ersten und zweiten Klasse konnten die Einreiseformalitäten bereits an Bord erledigen und wurden in New York an Land gelassen. Die Auswanderer der dritten Klasse fuhren weiter nach Ellis Island. Hier standen sie in langen Schlangen vor den Abfertigungsschaltern und warteten darauf, von Ärzten und Inspektoren auf Herz und Nieren untersucht und befragt zu werden. Ein unglaublicher Druck lastete auf diesen Menschen. Alles, aber auch wirklich alles, hatten sie zurückgelassen. Das, was sie noch besaßen, hatten sie in einem kleinen Koffer bei sich. Mehr gab es nicht. Sollte hier die Reise zu Ende sein? Während kranke Menschen sofort „aussortiert“ wurden, mussten die anderen die Fragen der Einwanderungsbehörde beantworten. Für jede der Fragen, die über ihr weiteres Dasein in der Neuen Welt entschieden, hatten sie nur fünf Sekunden Zeit. Sprachschwierigkeiten, Nervosität und Unwissenheit brachten zusätzliche Probleme mit sich. Ein kaum vorstellbarer Druck lastete auf den Menschen.

Auch ich bekomme Herzklopfen bei den Fragen, die über das Schicksal tausender Menschen entschieden.

Auf der Insel der Tränen entschied sich, ob jemand bleiben konnte oder zurück in die Heimat kehren musste (c) Tanja Albert

War hier alles zu Ende? Mussten Auswanderer zurück in ihre Heimat? (c) Tanja Albert

Ellis Island – Insel der Tränen

Tatsächlich wurden bis zu drei Prozent der Auswanderer abgewiesen und mussten in ihr Land zurückkehren. Die Rückfahrt konnten sie, da sie alles Geld für die Überfahrt zusammengespart hatten, nicht bezahlen. So mussten die Reedereien diese Menschen, die all ihre Hoffnung und ihr Hab und Gut verloren hatten, kostenlos zurückbefördern. Wohin? Was folgte dann? Das wusste zu diesem Zeitpunkt niemand. Da die Reedereien das Risiko und die Kosten für diese Rückführungen allein tragen mussten, wurden deshalb bereits ärztliche Kontrollen bei der Abfahrt in Bremerhaven eingerichtet, um das Risiko so gering wie möglich zu halten.

Ein Stück Heimat in der Neuen Welt

Trotz all dieser Widrigkeiten schafften über ein Jahrhundert hinweg Millionen von Menschen einen Neuanfang irgendwo in der Welt. Mit Nichts in den Händen bauten sie sich eine neue, hoffnungsvolle Zukunft auf. Das Wenige, was sie aus der Heimat mitnehmen konnten und die Traditionen und Bräuche wurden zu einem wichtigen Gut. Verständlich, dass auch in Amerika ein Stück Heimat Einzug halten sollte. Und so wurde dort bereits 1683 Germantown gegründet. Viele Städte mit deutschen Namen folgten.

Furcht und Angst nachvollziehbar im Deutschen Auswandererhaus (c) Tanja Albert

Die Furcht der Einwanderer wird spürbar beim InstaWalk Deutsches Auswandererhaus (c) Tanja Albert

Gänsehaut garantiert

Wenn Ihr mehr über die Geschichte des zeitweise größten Auswanderungshafen Europas, Bremerhaven, und die Geschichten der Auswanderer erfahren möchtet, seid Ihr hier im Deutschen Auswandererhaus genau richtig. Gänsehaut beim Nachspüren der Biografien garantiert. Es ist hier wirklich gelungen, obwohl wir uns durch ein modernes und mit allem Komfort ausgestatteten Erlebnismuseum bewegen, gefühlsmäßig eine Zeitreise in die Vergangenheit anzutreten. Ein Erlebnis, dass Ihr Euch nicht entgehen lassen solltet. Wir sagen „Danke schön“ an Norbert und Manuel und das Team vom Deutschen Auswandererhaus. Und wenn Ihr auch einmal bei einem InstaWalk mit dabei sein möchtet, findet Ihr hier die aktuellen Informationen.

InstaWalk früher und heute. Inga im Deutschen Auswandererhaus (c) Tanja Albert

InstaWalk früher und heute. Inga im Deutschen Auswandererhaus (c) Tanja Albert