Tango – Ein Tanz mit Migrationshintergrund

Zur Geschichte des Tangos

Elegante Paare auf den Straßen von Argentinien. Tiefe Blicke und gefühlvolle Rhythmen. So, heute die Vorstellung vom Tango. Es ist ein Tanz voller Leidenschaft, Melancholie und Schmerz. Noch heute reisen viele Touristen in die Tango-Metropole Buenos Aires, um dort den Tanz in seinem „Geburtsland“ hautnah erleben zu können. Aber nicht nur die Touristen feiern den Tango, auch das Land selbst hat eigens für ihn einen Feiertag am 11. Dezember etabliert: den „Día Nacional del Tango“ – den „Nationalen Tango-Tag“ in Argentinien. Aber woher stammt diese Faszination?  Worin liegt sie begründet? Und wo sieht das Deutsche Auswandererhaus seinen Bezug zu diesem lateinamerikanischen Tanz?

Innerhalb meines dreimonatigen Praktikums im Deutschen Auswandererhaus habe ich mich ein wenig den Wurzeln des Tangos genähert und dabei ein paar interessante Entdeckungen gemacht.

Das erste Mal kam der Tanz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Armenvierteln von Buenos Aires und Montevideo zum Vorschein. Zur Zeit seines Aufkommens gab es in den Ländern Argentinien und Uruguay eine große Zuwanderung von Europäern. Sie versprachen sich in Argentinien günstig Boden erwerben zu können und sich somit ihre wirtschaftliche Zukunft sichern zu können. Diese Hoffnung konnte vielen leider nicht erfüllt werden.
Zwischen 1880 und 1930 erreichten rund sechs Millionen Neuankömmlinge mit diesem Wunsch die Hafenstädte am Unterlauf Río de la Plata. Durch den großen Zulauf an Europäern, stand diesen meist nur noch der Weg in die Slums offen. Und auch für die entwurzelte Landbevölkerung, die durch die Einwanderer verdrängt wurde, gab es zumeist keinen anderen Ausweg als den in die Armenviertel. Dieses Milieu war schließlich geprägt von Hoffnungslosigkeit, (Überlebens-)Kampf und Sehnsucht. Die Kultur der indigenen Bevölkerung, welche ursprünglich zur Kolonialzeit als Sklaven auf den Kontinent gekommen sind, vermischte sich mit der Kultur der europäischen Bevölkerung. Und genau diese Mischung war wesentlich, für die neu aufkommende Musik!

Der Tango ist einer der populärsten Tänze Argentiniens. Er wird alljährlich am 11. Dezember gefeiert. (c) Deutsches Auswandererhaus

Verschiedene volkstümliche Musikstile, wie die Habanera aus Kuba, die Candome aus Afrika, die Land-Milonga aus Spanien und der Walzer verschmolzen zu einer Musik, die wir heute Tango nennen. Natürlich veränderte sich der Stil über die Jahrzehnte; besonders als der Tango Anfang des 20. Jahrhunderts Einzug in Paris fand. Wie aber kam der Tanz überhaupt dorthin?

Tango weltweit

Für viele reiche Argentinier war es Mode, ihre Kinder zum Studieren nach Europa zu schicken. So kam der Tango nach Paris und Berlin und löste dort einen Tangoboom aus. Bis 1912 eroberte der Tanz dort alle europäischen Zentren. Allerdings verschwanden dadurch auch immer mehr die afrikanischen Wurzeln. Heute ist man sich dessen Ursprung kaum noch bewusst.

Anhand dieser kurzen historischen Einführung erkennt man schnell, wo der Bezug zum Deutschen Auswandererhaus zu finden ist. Die Einwanderer und die Einheimischen haben ihre Kulturen miteinander verbunden und somit etwas Neues hervorgebracht. Dieses Neue verband sie in ihrer damaligen Lebenssituation und vermittelten ein bestimmtes Lebensgefühl. José Gobello, ein argentinischer Schriftsteller, beschreibt den Tanz so: „Für den Tango existiert kein Volk als abstrakte Einheit oder als Ideal. Der Tango kennt nur den Menschen aus Fleisch und Blut.“ Die Musik und der Tanz erzählen authentisch die Geschichten der Menschen in den Armenvierteln. Dies ist der Grund, warum der Tango weltweit solch eine Beliebtheit erfährt. Und das obwohl der Tanz zu Beginn von der oberen Gesellschaft in Argentinien verpönt wurde. Dort galt er als Ausdruck von Verkommenheit, Zweideutigkeit und Arbeitslosigkeit. Erst mit dem Durchbruch in Paris änderte sich diese Sichtweise.

Das Bondoneon mit seinen Klängen ist das typische Instrument für den Tango. Hier eine Nahaufnahme. © Deutsches Auswandererhaus

Eine weitere Entdeckung, die ich bei der Recherche zum Tango machte, war, dass nicht nur Menschen nach Argentinien ausgewandert sind, sondern auch ein deutsches Musikinstrument: das Bandoneon. In Südamerika wird es auch liebevoll als „die beste deutsche Erfindung“ bezeichnet. Schöpfer des Musikinstruments ist Heinrich Band aus dem Erzgebirge. 1845 brachte er das Instrument auf den Markt. Dafür entwickelte er die Concertina, ein dem Akkordeon ähnliches Instrument, weiter und gab dem Ergebnis dem Namen Bandoneon, um es von der ursprünglichen Concertina zu unterscheiden. Aber wie ist das Bandoneon dann nach Argentinien gekommen?
Dazu gibt es viele Geschichten. Eine besagt, dass das deutsche Instrument 1870 seinen Weg an den Río de la Plata fand, indem es ein Matrose in einem Bordell als Bezahlung hinterließ. Das Bandoneon war in Buenos Aires noch vollkommen unbekannt und anders als andere Instrumente noch keinem bestimmten Musikstil behaftet. So wurde der Klang typisch für Argentinien und schnell spielten Musiker auf dem vielseitigen Instrument Tango.

Für Nachschub sorgte dann Deutschland. Allerdings wurde die Produktion während des Zweiten Weltkriegs, sowie die Lieferungen nach Argentinien fast gänzlich eingestellt. Glücklicherweise gab es aber Einwanderer, die sich der Produktion von Ersatzteilen und Reparaturen des Instrumentes annahmen. Zwei dieser Einwanderer finden wir auch im Deutschen Auswandererhaus wieder.

Die Bandoneon-Werkstatt der Familie Weckesser

Mit der Biographie Lebin Weckesser, bekommen wir auch zum Teil die Geschichte seines Bruders Jorge zu hören. Dieser eröffnete 1943 die erste Bandoneon-Werkstatt in Buenos Aires. Lebin, der – wie er selbst erzählt – im Leib seiner Mutter 1926 zusammen mit dem Rest der Familie auswanderte, als 14-jähriger arbeitete er einige Jahre für seinen Bruder. 1950 kehrte er dann in die Provinz La Pampa zurück. Die Werkstatt von Buenos Aires blieb bestehen und wird heute von Jorges Tochter Ana Maria und seiner Nichte Julia im selben Geschäft weitergeführt.

Familie Weckesser in ihrer Werkstatt in Buenos Aires. © Deutsches Auswandererhaus

Aber warum wird nun ausgerechnet am 11. Dezember der Tango-Tag in Argentinien gefeiert? Initiator war 1965 der Schriftsteller Ben Molar. Er wollte mit diesem Tag zwei relevante Künstler ehren, die für den argentinischen Tango im 20. Jahrhundert besonders wichtig waren. Zunächst ist der Tango-Sänger und Komponist Carlos Gardel zu nennen, welcher den Tango zu seinem Weltruhm verholfen hat. Und schließlich Julio de Caro, der ein argentinischer Musiker und Leiter eines Orquesta Típica des Tangos war. Sie beide hatten am 11. Dezember Geburtstag, weshalb der Feiertag auf dieses Datum festgelegt wurde.

Wir sehen, die Begeisterung um den Tango scheint nie zu verschwinden. Immer noch lernen Menschen sich zu den Klängen des Bandoneons ausdrucksstark zu bewegen. Er ist ein Resultat aus der Verschmelzung verschiedener aufeinanderprallender Kulturen, die versucht hatten zu überleben. Damals wurde der „erdige“ Tanz aus der Not heraus erschaffen und gab den Entwurzelten und Heimaltlosen eine neue Heimat; heute verzaubert er immer noch die ganze Welt mit seiner Leidenschaft.

Von Julia Pelke, Oldenburg