Historischen Ereignissen selbst auf die Spur kommen. An Originalschauplätzen Geschichte vermitteln: Jedes Jahr am 18. September sind in Bremerhaven weit über 1.000 Schüler:innen in der Stadt unterwegs. Sie setzen sich im Stadtgebiet mit ihrer und unserer gemeinsamen Geschichte auseinander und gehen der Frage nach, was hier während der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur geschah. Doch auch alle anderen, die mehr darüber erfahren möchten, sind eingeladen, eine oder mehrere der 50 Stationen im Stadtgebiet zu besuchen: Die Präsentationen des preisgekrönten Projektes sind öffentlich.

50 Präsentationen an 50 Orten in der Stadt
Von Leherheide bis Wulsdorf, in Mitte und Geestemünde: Über das gesamte Stadtgebiet verteilt, stehen am 18. September an 50 Orten zwischen 10 und 13 Uhr etwa 140 Oberstufenschüler:innen. Sie stellen jeweils einen Aspekt der Diktatur zwischen 1933 und 1945 vor, die Millionen von Menschen in der ganzen Welt Not, Elend, Verzweiflung, Entrechtung und den Tod gebracht hat.
Dieses große Thema wird an ausgewählten Orten der Stadt sichtbar. Am Gedenkstein für die Synagoge an der Schulstraße erinnern die Schüler:innen zum Beispiel an die Reichspogromnacht 1938, an den Stolpersteinen in der Bürger an den kommunistischen Widerstand. Das U-Boot WILHELM BAUER ist Ort für die Rolle der Marine, das Busse-Denkmal für Massenveranstaltungen. Alle Schüler:innen sämtlicher Bremerhavener 10. Klassen besuchen ausgewählte Stationen. So erfahren sie, dass die große Geschichte unmittelbar vor Ort stattfand, dass Einwohner:innen zu Täter:innen und Opfern wurden.

Warum am 18. September?
Wesermünde, wie Bremerhaven damals hieß, erlebte am 18. September 1944 den schwersten Angriff während des Zweiten Weltkrieges. Bomben der Alliierten richteten im Stadtzentrum und in Geestemünde große Zerstörungen an. Mehr als 600 Menschen starben. Etwa 1.900 Bewohner:innen wurden verletzt. Im Gedächtnis Bremerhavens ist dieser Tag fest verankert.
Erinnern, aber wie?
Doch wie soll eine Stadt mit der Erinnerung an diesen Tag umgehen? Die Bremerhavener Stadtverordnetenversammlung beschloss am 9. Oktober 2014, den Jahrestag zu einem stadthistorischen Bildungstag zu machen. Statt Reden von Politiker:innen oder Kranzniederlegungen sind seit 2015 junge Menschen dazu aufgerufen, die Geschichte ihrer Stadt zu erforschen und ihre Erkenntnisse an Jüngere zu vermitteln. Dabei geht es um die Fragen: Wie setzte sich der nationalsozialistische Unrechtsstaat durch? Wie wurden Einwohner:innen aufgrund bestimmter Merkmale entrechtet, verfolgt und ermordet? Deren Geschichten werden direkt am historischen Ort erzählt.
„Ziel dieses Tages ist es, der eigenen Vergangenheit nachzuspüren und aufzudecken, an welchen Orten in Bremerhaven sich historische Ereignisse zugetragen haben. Die Verbrechen des Nationalsozialismus sind keine abstrakten Themen für Geschichtsbücher, sondern sie haben sich auch in den Häusern, auf den Straßen und Plätzen unserer Stadt zugetragen.“ (Michael Frost, ehem. Stadtrat für Schule und Kultur, 2018)

Die Vorbereitung und Durchführung des „Tags der Stadtgeschichte“ ist eine große Aufgabe, die die Beteiligten über Monate beschäftigt. Das Orgateam besteht aus drei Lehrerinnen der Oberstufenzentren Schulzentrum Carl von Ossietzky, Schulzentrum Geschwister Scholl und Lloyd Gymnasium sowie Vertreter:innen des Stadtarchivs Bremerhaven, der Landeszentrale für politische Bildung und des Historischen Museums. Das bundesweit einmalige Projekt wurde 2016 mit dem renommierten Hildegard-Hamm-Brücher-Preis der Stiftung „Demokratisch handeln“ ausgezeichnet.
Von der Idee zum Projekt
Der Weg zur Präsentation
Die Vorbereitung findet bewusst außerhalb der Schule statt, so wie in diesem Jahr in der Hochschule Bremerhaven. Das Verlassen des Klassenzimmers, der Austausch mit Teamer:innen und Personen verschiedener Generationen ist für alle eine Bereicherung.
Wie entstehen eigentlich die Vorträge und Präsentationen für den „Tag der Stadtgeschichte“? An vier Tagen im August bereiten sich die Oberstufenschüler:innen vor. Dabei wechseln sich jedes Jahr die drei Oberstufenzentren ab. In Kleingruppen widmen sich die Jugendlichen einem bestimmten Thema. Sie besuchen den historischen Ort, lesen Quellen und Literatur, schreiben Texte, malen Plakate oder überlegen sich eine kleine Darstellung. Dabei unterstützen sie Vertreter:innen von Vereinen und Organisationen sowie engagierte Einzelpersonen als Themenpat:innen.

