Tänze auf Wanderschaft: Rock ‘n‘ Roll

Tango, Jive, Walzer, Cha-Cha-Cha, Salsa, Foxtrott, Flamenco, Rock ‘n‘ Roll … Tänze, zu denen sich weltweit Paare zusammenfinden, um gemeinsam Musik und Rhythmus zu frönen. Zu schwofen, die Hüften zu schwingen und dabei, ganz unbewusst, ein Stück Migrationsgeschichte zu leben. Denn nicht nur Menschen können von einem Ort, einem Land in ein anderes wechseln. Ich denke auch an Musik, an Gerichte (italienische Pizza, lecker!), an Lebensarten und eben Tänze. Dass die Einrichtung „Museum“ diesen Aspekt ganz anschaulich vermitteln kann, zeigt aktuell das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven: In Kooperation mit der Tanzschule Beer finden einstündige Tanzworkshops statt. In ihnen wird den Teilnehmern ein Stück Wanderungsgeschichte mit vollem Körpereinsatz nahe gebracht. Und nachdem am 1. Oktober 1958 Elvis Presley, der „King of Rock“, in Bremerhaven zum ersten Mal europäisches Festland betrat, widmen sich die Frühjahrs-Kurse dem Rock ‘n‘ Roll. Ich war am ersten Termin mit dabei und sage an dieser Stelle nur: Let’s Rock!

Ein Gespräch mit dem Tanzlehrer

Bevor ich mich auf den Tanzboden wage spreche ich mit Hajo Newe. Er ist seit 14 Jahren Tanzlehrer und arbeitet für die Tanzschule Beer. An seine erste Begegnung mit Rock ‘n‘ Roll kann er sich noch gut erinnern: „Es wurden Tänzer für eine Showformation gesucht – und ich habe mir gedacht: Warum nicht?“. Während wir reden, tröpfeln bereits die ersten Paare in den Saal. Der eine oder andere noch ohne Partner, aber warum nicht? Schließlich eignet sich ein – gemütlicher? anstrengender? Wer weiß! – Tanznachmittag doch perfekt dazu, neue Bekanntschaften zu schließen. Bevor die Musik startet, möchte ich von Hajo vorbereitend wissen, was Rock ‘n‘ Roll eigentlich ausmacht.

Lebensfreude und Revolution

Tanzlehrer Hajo Newe zeigt wie’s geht! © Deutsches Auswandererhaus

„Lebensfreude und Revolution“, meint der Tanzlehrer und ich frage mich, wie viel Rebell in mir steckt. Und wie viel Sportlichkeit, denn er ergänzt: „Rock ‘n‘ Roll ist einer der schnellsten Tänze und es entwickelten sich viele akrobatischen Elemente.“ Mittlerweile ist es 14.00 Uhr und der Workshop beginnt. Damit alle Teilnehmer die Hintergründe des Tanzes einordnen können, gibt meine Kollegin Lea Hildebrand eine kurze, kulturhistorische Einführung. Und wenn ihr jetzt denkt: „Gähn. Kulturhistorisch, wie langweilig.“: Weit gefehlt. Macht euch bereit für eine kleine Zeitreise in die Welt der Petticoats (leuchtende Augen bei den Damen), Blue Jeans und Haartollen (die Herren: jetzt bitte ein Lächeln abringen).

Eine (sehr) kurze Geschichte des Rock ‘n‘ Roll

„Rock ‘n‘ Roll ist usprünglich ein Musikstil, der Anfang der 50er Jahre in den USA entstand. Er vereint in sich diverse Elemente: den Rhythmus und Blues der afroamerikanischen Gesellschaft, Elemente von Countrymusik, Dixieland und Swing“, so Lea Hildebrand. Als Urväter gelten Carl Perkins, bekannt durch den Titel „Blue Sued Shoes“, und Bill Haley. Seinen berühmtesten Hit kennt ihr definitiv: „Rock Around the Clock“. Dann entwickelte sich – ihr erratet es – ein entsprechender Tanz. Der Rock ‘n‘ Roll mit seinen Kicks war geboren, basierend auf dem Swingtanz „Lindy Hop“. In den 1950er Jahren machte sich Rock ‘n‘ Roll auf seinen Eroberungszug über den Atlantik nach Europa. Seit die ersten Schallplatten von Elivs Presley im Handel erhältlich waren und spätestens mit der Ankunft des „King of Rock“ in Bremerhaven startete der Tanz in Deutschland durch und wurde beispielsweise auch auf (Auswanderer)Schiffen Richtung USA gespielt. Doch wieso diese Beliebtheit? „Elvis hatte Starappeal, verkörperte Glamour und stand für Rebellion“, weiß meine Kollegin. „Die Jugendlichen im Nachkriegsdeutschland sehnten sich danach, ihre Gefühle frei von gesellschaftlichen Normen und Zwängen ausdrücken zu können.“ Und so eroberten nach und nach Blue Jeans und Lederjacke die junge Bundesrepublik. Frauen trugen flache Schuhe, um bis spät in die Nacht tanzen zu können. Der Generationenkonflikt war vorprogrammiert. „Ältere Generationen bezeichneten Rock ‘n‘ Roll mit rassistischem Unterton als ‚Affentanz‘. Die jungen Leute beschrieben ihn als ‚brutal, knallhart, kochend heiß und schweißtreibend‘.“

Hans und Elvira Burkhart im April 1958 an Bord der „Berlin“ bei ihrer Auswanderung in die USA. © Sammlung Deutsches Auswandererhaus, Schenkung Krenz

Brutal, knallhart, kochend heiß und schweißtreibend?!

Wie alle Teilnehmer des Workshops wenige Minuten später am eigenen Leib erfahren sollen, ist Rock ‘n‘ Roll tatsächlich ein lebhafter Tanz und trotz Tempo mit (in meinem Fall mehr oder minder) hoher Präzision verbunden. Flache Schuhe sind definitiv als Vorteil zu betrachten. „Charakteristisch sind gesprungene Tanzschritte, ‚Kick‘ und ‚Kick Ball Change‘ genannt“, so Hajo Newe. Bei fortgeschritteneren Tänzern kommen die bereits genannten akrobatischen Elemente, wie beispielsweise Salti, hinzu. Und damit es dem Herren und der Dame nicht zu langweilig wird, haben beide im Rahmen des Tanzes eine große Gestaltungsfreiheit was die Figuren anbelangt. „Rock ‘n‘ Roll soll Freude machen!“, grinst Hajo Newe. Im Anbetracht meiner Bemühungen, eine Drehung inklusive Kicks richtig auszuführen, frage ich mich, wie viel Schadenfreude dahinter steckt. Soweit ich sehen kann, sind alle Paare voll dabei und begeistert, unabhängig vom Alter.

Erinnerungen an die Jugend

Im Anschluss an den Tanzworkshop wird Kaffee und Kuchen gereicht. Meine Kollegin und ich nutzen die Zeit, um mit Gästen ins Gespräch zu kommen. Michael und Resi Beckmannshagen aus Bremerhaven haben vor 50 Jahren zum ersten Mal Rock ‘n‘ Roll zusammen getanzt. Mit dem Tanz verbinden sie „Elvis Presley, Chuck Berry, Lust am Leben, Freude und die eigene Jugend.“ Ein „besonderes Lebensgefühl“ ist auch für Kerstin Bach und Axel Decker ein wichtiger Verbindungsgrund. Axel Decker hat bereits Vorkenntnisse im weitesten Sinne – vor 25 Jahren absolvierte er einen entsprechenden VHS-Kurs. Den typischen Rock ‘n‘ Roller beschreiben die beiden so: „Lederjacke, Creepers (Anm.: flache Sportschuhe mit dicken Sohlen), cool.“ Die Begeisterung für den Tanz sehen sie, wie auch Hajo, nicht in der heutigen Jugend. Hajo Newe: „Bei älteren Menschen belebt Rock ‘n‘ Roll die Erinnerungen an die Jugend, die erste Liebe…“ Ich persönliche bekomme bei den Klängen von „Rock Around the Clock“ einfach nur Lust, zu tanzen.

Kerstin Bach und Axel Decker hatten viel Spaß beim Kurs. © Deutsches Auswandererhaus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn Ihr auch mit dabei sein wollt: Der nächste Tanzkurs findet am Sonntag, 24. Juni 2018, um 14.00 Uhr im Deutschen Auswandererhaus statt – dann steht wieder Rock ‘n‘ Roll auf dem Programm. Im Sommer folgt Samba (22. 07.; 26.08.: 14.00 Uhr) und im Winter Tango (21.10.; 18.11.: 14.00 Uhr). Weitere Informationen findet Ihr zeitnah unter: www.dah-bremerhaven.de. Let’s Rock!

Die Interviews führten Lea Hildebrand und Teresa Grunwald.

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