Speisen auf Reisen – von „Einwanderern“ der anderen Art

Schiffszwieback und Sauerkraut, Champagner, Ravioli und Speiseeis. Wer mit offenen Augen und vor allem mit hungrigem Magen durch das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven geht, sieht es auf einmal fast überall: Essen. Und das ist ja auch kein Wunder, denn zum einen mussten Auswanderer auf ihrer Reise in die Neue Welt irgendwie mit Proviant versorgt werden, zum anderen bringen Migranten in eine neue Umgebung oft genug auch Speisen aus ihrer Heimat mit. Aber wie ist das eigentlich, wenn Speisen auswandern? Wer bringt sie mit, wie werden sie aufgenommen, und wie „integrieren“ sie sich in der Fremde? Ich fange an zu recherchieren über diese speziellen „Einwanderer“ und stoße, zu meinem Erstaunen, erst einmal auf die Kartoffel.

Was hier wohl demnächst serviert wird? In einer Rekonstruktion des Speisesaals des Oceanliners „Columbus“ beginne ich meine Spurensuche nach den „Migrationsgeschichten“ von Speisen und Gerichten.
© Deutsches Auswandererhaus / Foto: Iria Sorge-Röder

Vom Außenseiter zum Grundnahrungsmittel – die Kartoffel

Sie kommt mir in den Sinn, als ich in der Ausstellung des Deutschen Auswandererhauses die rekonstruierten Schiffsinnenräume betrachte. Dort lerne ich: 70 Tonnen Kartoffeln waren bei einer Transatlantikreise auf dem Oceanliner „Columbus“ mit an Bord und wurden auf vielerlei Arten serviert – ob gekocht, als Kartoffelpüree oder als Bratkartoffeln. Aber im Laufe der Geschichte war die Kartoffel nicht nur Proviant, sondern auch Auswanderungsgrund: Missernten im 19. Jahrhundert führten zu einer großen Auswanderungswelle von Irland in die USA. Das zeigt, wie sehr die Europäer damals auf sie angewiesen waren. Erstaunlich eigentlich, wurde sie hier doch ursprünglich nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen. Als die Kartoffel mit den spanischen Eroberern im 16. Jahrhundert von Südamerika nach Europa kam, begegnete man ihr zuerst mit einer Mischung aus Unwissenheit und Abwehr. Nicht wenige verdarben sich den Magen, weil sie statt der Knollen die oberirdischen Früchte aßen. Und so mancher Kirchenmann zweifelte daran, dass Kartoffeln überhaupt eine gottgewollte Speise seien – schließlich werden sie in der Bibel nirgends erwähnt. Dass die Kartoffel sich dennoch nach und nach ihren Platz auf den europäischen Speisekarten eroberte, hatte auch wirtschaftliche Gründe. Schließlich wächst sie auch auf nährstoffarmen Böden und hat eine vergleichsweise hohe Kaloriendichte, was sie zu einem gefragten Lebensmittel in Kriegs- und Hungerzeiten machte. Nicht zuletzt setzte Friedrich der Große in Preußen den Anbau der Knollen mit seinen sogenannten „Kartoffelbefehlen“ durch und verhalf ihr zu ihrem Siegeszug im 18. Jahrhundert.

Bierkrüge im „Office of the New World“ erinnern mich an die „Migrationsgeschichte“ des Bieres von Deutschland in die USA.
© Deutsches Auswandererhaus / Foto: Iria Sorge-Röder

Ob es wohl daran liegt, dass „Kartoffel“ inzwischen mancherorts zu einer Beleidung für Deutsche geworden ist? Mag sein – wenngleich wohl andere Nahrungsmittel noch häufiger mit Deutschland in Verbindung gebracht werden. Zwei Bierkrüge im Ausstellungsraum „Office of the New World“ erinnern mich an die Erfolgsgeschichte des deutschen Biers in den USA. So geht eine der bekanntesten Biermarken in den USA auf deutsche Auswanderer zurück: Eberhard Anheuser und Adolphus Busch, die Mitte des 19. Jahrhunderts auswanderten und ihre dort gebrautes Bier „Budweiser“ nannten.

Kakao und der „Duft der weiten Welt“

Doch zurück zur Kartoffel: Was ihr sicherlich zu ihrem Siegeszug verhalf, war ihre Anpassungsfähigkeit. Sie lässt sich in Europa problemlos anbauen und konnte so im wahrsten Sinne des Wortes „Wurzeln schlagen“. Bei Bananen, Tee, Kaffee oder Kakao sieht das schon anders aus. Sie sind in Europa angekommen und doch „Einwanderer“ geblieben: Täglich werden sie aus Südamerika, Asien oder Afrika importiert. Im Falle des Kakaos geschah das zum ersten Mal im 16. Jahrhundert: Dominikanermönche brachten die dunklen Bohnen mit an den spanischen Königshof. Und es waren auch adlige Kreise, in denen sich der Kakao zuerst ausbreitete. Vom spanischen gelangte er zum italienischen und französischen Hof, im 18. Jahrhundert dann auch in die Kaffeehäuser der bürgerlichen Oberschicht. Warum er dort wohl so beliebt wurde? Sicherlich lag das auch an dem exotischen „Duft der weiten Welt“, der dem Kakao damals noch anhing. Viel ist davon heute nicht mehr geblieben – oder denken Sie bei „typisch deutschen“ Leckereien wie Schwarzwälder Kirschtorte und Marmorkuchen noch an die lange Reise, die der Kakao nach Europa zurücklegte?

Türkisch und deutsch zugleich – der Döner

Ähnlich mag es wohl vielen mit Speiseeis gehen. Zu einem gelungenen Sommer gehört es für die meisten inzwischen einfach dazu. Dass das so ist, dazu trug zum Beispiel auch Valentino Olivier bei. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts kam er nach Deutschland, um Eis zu verkaufen. Ein Eisbecher im zweiten Teil der Ausstellung erinnert mich daran, dass auch im 20. Jahrhundert das Familienhandwerk fortgeführt wurde. Und in den 1970er-Jahren kam dann auch der Döner nach Deutschland, ein typisch türkisches Gericht – oder? Ganz so einfach ist die Sache dann doch wieder nicht. Fest steht: Die Zubereitung von Hammelfleisch auf sich senkrecht drehenden Spießen hat im Gebiet der heutigen Türkei eine lange Tradition. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts berichtete der preußische Militärberater Helmuth von Moltke, der damals mit dem Aufbau einer türkischen Armee betraut war, von „kleinen Stückchen Hammelfleisch, am Spieß gebraten und in Brotteig eingewickelt“, aus seiner Sicht ein „sehr gutes, schmackhaftes Gericht“. Fest steht aber auch: Mit seiner „Wanderung“ von Deutschland in die Türkei änderte sich der Döner in so mancher Hinsicht. Anders als in seinem Ursprungsland wurde er nun immer häufiger im Fladenbrot serviert, hinzu kamen außerdem andere Soßen und verschiedene Gemüsesorten. Man könnte auch sagen: Der Döner wurde „eingebürgert“, aus einem exotischen Gericht der „Gastarbeiter“ wurde eine Speise, die aus Deutschland nicht mehr wegzudenken ist. Und seine Reise geht weiter: Erste Versuche, ihn von Deutschland in die USA zu exportieren, gibt es bereits.

Eine Familie mit einer langen Eismachertradition: Im zweiten Teil des Museums erinnert mich ein Eisbecher an die Familie Olivier. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts verkaufte Valentino Olivier Eis in Deutschland.
© Deutsches Auswandererhaus / Foto: Iria Sorge-Röder

Die Kartoffel, eine bodenständige Einwanderin, die sich nach und nach ihren Platz in der Fremde erkämpft? Der Kakao, ein Angehöriger der Oberschicht, der im Ausland auch beim „Volk“ bekannt und beliebt wird? Der Döner, ein wandlungsfähiger Held des Alltags, der weit entfernt von zu Hause seinen Siegeszug antritt? Ich merke: So unterschiedlich die Biographien der Migranten, so unterschiedlich sind auch die Geschichten der Speisen, die von nah und fern nach Deutschland gekommen sind. Und: Ohne diese speziellen „Einwanderer“ käme heute fast kein deutscher Haushalt mehr aus.

Speisen auf Reisen am Deutschen Auswandererhaus

Mehr über die „Migrationsgeschichten“ von Speisen erfahren und sie anschließend selbst probieren – das können Besucher bei der Veranstaltungsreihe „Speisen auf Reisen“ im Deutschen Auswandererhaus. Am 7. Juli geht es in einer Kurzführung um die Geschichte der Schokolade, mit anschließender Verkostung mit Kirsten Hartlage (Confiserie Süße Ideen, Bremen). Und am 2. August können Besucher bei einer Führung zunächst mehr über deutsche Traditionen in den USA erfahren und anschließend mit der Sommelierin Vera Becker verschiedene Biersorten verkosten. Weitere Informationen: dah-bremerhaven.de