Poesiealben made in Bremerhaven

Reime und Verse in schönster Sonntagsschrift, bunte Glanzbilder und vereinzelte Tintenflecke – Poesiealben haben ihre ganz eigene Magie. Mein persönliches Album hüte ich wie einen Schatz, der wertvolle Erinnerungen konserviert. Im Museum ist das Poesiealbum ein spannendes Sammlungsobjekt, das viel über vergangene Zeiten verrät.

Poesiealben
Eine hübsche Zeichnung macht diesen Eindruck zu einem Hingucker. (c) Peggy Marx

A never ending story

Als wissenschaftliche Volontärin im Historischen Museum Bremerhaven ist das Inventarisieren ein ständiger Begleiter meines Arbeitsalltags – Fluch und Segen zugleich. Wer im Museum arbeitet, der weiß, wovon ich spreche. Noch bis vor kurzem hielt mich ein Konvolut, bestehend aus historischen Handschriften aus dem 19. Jahrhundert auf Trab –  grundsätzlich ein spannender Bestand. Allerdings handelt es sich größtenteils um Steuererklärungen, Rechnungen sowie Schriften über Zins- und Kapitalerträge; Themen die mein Historikerinnen-Herz nicht gerade höher schlagen lassen. Doch das Erfolgsgefühl, sich durch den Bestand gekämpft zu haben, stimmt mich versöhnlich. Außerdem habe ich durch die akribische Sichtung der einzelnen Dokumente meine Fertigkeiten im Lesen von alten Handschriften wie Sütterlin und Kurrent gestärkt. Die Mühe hat sich also gelohnt und ich bin auch ein bisschen stolz auf mich!

„In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken“

Und dann erfahre ich von einer neuen Stiftung, die auch prompt auf meinem Schreibtisch landet. Eine große, massive Kiste, randvoll gefüllt mit den kleinformatigen Büchern, die wohl jede*r auf Anhieb als Poesiealben erkannt hätte – nahezu 100 Stück. Bei der Stiftung handelt es sich um eine Sammlung, die ein Bremerhavener Ehepaar über Jahrzehnte auf Flohmärkten und Co. zusammengetragen hat. Die meisten Exemplare sind über 100 Jahre alt! Weil im heimischen Keller kein Platz mehr ist, suchen die Besitzer*innen nach einem geeigneten Ort für die fachgerechte und nachhaltige Verwahrung ihrer liebgewonnenen Schätze. So findet die Sammlung ihren Weg zu uns ins Historische Museum. Volltreffer! Mein bereits erwähntes Historikerinnen-Herz macht Luftsprünge und ich stürze mich in die Arbeit.

Poesiealbum
Die Einbände der Poesiealben sind häufig besonders schön verziert. (c) Peggy Marx

Erinnerungsfundus

Poesiealben stecken voller Erinnerungen an Freund*innen, Familienmitglieder, ehemalige Lehrer*innen und sonstige Wegbegleiter*innen. Nicht selten werden sie deshalb ein Leben lang aufbewahrt und wie ein wertvoller Schatz behütet. Eine meiner Erinnerungen möchte ich mit euch teilen: Als Kind bin ich beim Stöbern zufällig auf das Poesiealbum meiner Mutter gestoßen. Ich weiß noch genau, wie ich damals das Büchlein staunend in den Händen hielt und die verschiedenen Handschriften begutachtete. Natürlich bin ich damit gleich zu meiner Mutter gelaufen, um ihr Löcher in den Bauch zu fragen: hauptsächlich zu den Personen, die hinter den vielen Namen stecken. Wenig später bin ich stolze Besitzerin meines eigenen Albums.

Eine Tradition im Wandel

Unser heutiges Bild von Poesiealben ist geprägt von ihrem Charakter als Erinnerungsbücher. Sie werden mehrheitlich von Kindern und Jugendlichen im Schulalter geführt. Dies ist allerdings erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts der Fall. Ursprünglich handelt es sich um eine Tradition in adeligen und studentischen Kreisen. Die Studierenden schreiben sich, zunächst noch in Latein, untereinander Sprüche und Widmungen ins sog. Stammbuch oder auch „album amicorum“ (lat. für „Album der Freunde“) ein. Besonders begehrt sind zu dieser Zeit vor allem auch die prestigeträchtigen Einträge der Lehrenden, die wie das Autogramm einer bekannten Persönlichkeit bestaunt und bewundert werden. Im 18. Jahrhundert kommt das Poesiealbum unter Studierenden aus der Mode und hält vermehrt Einzug in den privaten Bereich bürgerlicher Familien. Den Namen „Stammbuch“ legt es damit langsam ab. Seit dem 19. Jahrhundert halten vor allem Mädchen die Tradition aufrecht.  

Poesiealbum
Die ganz alten Poesiealben der Sammlung aus dem späten 19. Jahrhundert beeindrucken mit ihren kunstvollen Handschriften. (c) Peggy Marx

Mit Poesiealben forschen

Während ich mit der Sichtung der Poesiealben beschäftigt bin, gehen mir viele Fragen durch den Kopf. Überwiegend zu den Menschen, die sich in ihren Einträgen verewigt haben. Die meisten Fragen bleiben leider unbeantwortet. Schließlich weilen die Besitzer*innen der größtenteils aus der Zeit zwischen 1870 und 1920 stammenden Bücher schon längst nicht mehr unter uns. Die Objekte sind deshalb jedoch keinesfalls „stumm“ –  im Gegenteil. Aus wissenschaftlicher Perspektive werden Poesiealben als Alltagsgegenstände geschätzt, die einen unverfälschten Einblick in die Zeit ihrer Entstehung gewähren. Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang die eingeschriebenen Sprüche, in denen sich die Haltungen und Wertevorstellungen der Eintragenden oft explizit widerspiegeln.

Poesiealbum
Dieser Trost spendende Eintrag lässt auf die Religiosität der Verfasserin schließen. (c) Gerhard Bergmann

Die „guten“ ins Töpfchen, die „schlechten“ ins Kröpfchen

Frei nach dem Aschenputtel-Prinzip nehme ich mir jedes Poesiealbum einzeln vor. Ich habe eine schwierige Aufgabe vor mir, denn ich muss ermitteln, welche Alben es wert sind in die Sammlung des Museums aufgenommen zu werden. „Ins Töpfchen“ kommen sozusagen alle Alben, die für unsere Sammlung von Relevanz sind. Dafür sollten sie einen Bezug zu Bremerhaven und Umgebung aufweisen und in einem „guten“  Zustand sein. Ich nehme die wichtigsten Eckdaten auf: Herkunft, Datierung, Maße, Material und Zustand. Außerdem mache ich mir Notizen zu den Gemeinsamkeiten und Besonderheiten der Exemplare.

Blick ins Poesiealbum einer Bremerhavenerin

Das Album vor mir hat einen Einband aus geschwärztem Leder mit einer Goldprägung „Poesie“ vorne und einer hübschen Verzierung hinten, einen einfachen Messingverschluss und eine edle Goldschnittverzierung (goldener Überzug der Schnittkanten des Buchblocks). Das Vorsatzpapier ist ebenfalls Gold gemustert. In der oberen  linken Ecke haftet ein kleines Etikett: „F. Morisse Buch- und Papierhandlung Bremerhaven“. Die Buchhandlung Morisse, in der das Büchlein aller Wahrscheinlichkeit nach um 1913 gekauft wird, befindet sich auch heute noch in der Bürgermeister-Smidt-Str. 57A. Der Bremerhavener Traditionsbetrieb kann auf eine 130-jährige Firmentradition zurückblicken.

Auf der ersten Seite hat die Besitzerin in Schönschrift ihren Namen eingeschrieben – „Erna L.“ Darunter mit Bleistift nur noch zu erahnen der Vermerk „Bitte um Schonung“. Ein Satz, der häufig in Poesiealben zu finden ist und auf den Wert für die Besitzerin hinweist. Die folgenden Seiten sind in der oberen rechten Ecke mit Abkürzungen versehen, gleich zu Beginn „V. “ und „M.“ Diese beiden müssen Platzhalter für die Eltern sein. In dem Album zähle ich 24 Einträge, die in den Jahren 1913 bis 1915 entstanden sind. Wie ich bald feststelle, sind gleich mehrere Einträge mit handgemalten Zeichnungen versehen. Jedes einzelne ist ein kleines Kunstwerk. Bremerhaven, Geestemünde, Lehe – Alle Einträge sind hier verortet. Darüber freue ich mich fast am meisten, denn somit passt dieses wirklich schöne Exemplar perfekt in unsere Sammlung. Eine echte Bereicherung!

Das Eintragen des Namens in ein Poesiealbum ist ein magischer Moment. Die Besitzerin dieses Albums hat sich offensichtlich sehr viel Mühe dabei gegeben. © Gerhard Bergmann

Aus der Mode gekommen?

Gehört das Poesiealbum lange Zeit wie selbstverständlich zum Erwachsenwerden, scheint es heute fast vollständig aus der Mode gekommen zu sein. Stattdessen tauschen Schulkinder auf dem Pausenhof ihre sog. Freundebücher aus – bunte bedruckte Alben mit vorgedruckten Fragebögen und einer freien Fläche für ein einzuklebendes Foto. Etwas schade ist das schon, wie ich finde. Eine weiße leere Doppelseite in einem Poesiealbum lässt so viel mehr Raum für Kreativität. Vielleicht seid ihr ja noch auf der Suche nach einem passenden Geschenk? Es wäre doch sehr zu bedauern, wenn es in 50 Jahren keine alten Poesiealben mehr zu inventarisieren gäbe.

Von Maja Dreyer

© Gerhard Bergmann