,

Pflegen, Wachsen, Ankommen

Über die besondere Beziehung, die Menschen zu ihren Gärten haben.

Frau mit Brille lächelt in die Kamera
21. Aug. 2025
7 min read
Blumen im Museum

Das merkwürdige an Museen, die viele persönliche Geschichten erzählen, wie das Deutsche Auswandererhaus, ist, dass man manchmal in ihnen Geschichten zwischen den Geschichten findet. Manchmal auch ganz persönliche. Zum Beispiel über Pflegen, Wachsen, Ankommen, Garten und Gärtner*innen.

Erinnerung, die Zäune überspringt

Wenn ich als Kind im Sommer aus der Schule heimkam, traf ich meine Großmutter oft in ihrem Garten. Der lag genau neben unserem. Sie war damals in ihren 70ern, seufzte ab und an, wenn sie sich aufrichtete, und freute sich auch auf ganz pragmatische Art und Weise, wenn man ihr beim Ernten half. (Das war natürlich eine besonders attraktive Aufgabe bei Johannisbeeren). Trotzdem bestand sie darauf, dass weiterhin sie die „Hauptverantwortliche“(und auch das sollte so bleiben) ihrer Beete blieb. Aufgewachsen auf dem norddeutschen Land, war Pflanzen und Ernten irgendwie ein Teil ihres Lebens.

Frau vor einer Vitrine

Wenn ich jetzt auf dem Markt in Geestemünde frische Johannisbeeren sehe, muss ich an sie denken. Oder wenn ich im Laufe meines Arbeitstages in der Ausstellung des Deutschen Auswandererhauses im Auswanderungsteil am Salon der Biographien I vorbeikomme. Ausgewandert ist sie nie, nur innerhalb Europas verreist. Aber in der Mitte sind vier Vitrinen aus schönem, dunklem Holz, die nicht zu den Lebensgeschichten gehören, die man durch das Museum hindurch verfolgt, sondern die von anderen Menschen erzählen. Die Objekte und Geschichten darin sind sortiert in „Kindheit“, „Jugend“, „Erwachsene“ und „Alter“. Sie erzählen davon, wie unterschiedlich Migrationserfahrungen sind, je nachdem in welcher Lebensphase man sich befindet. Was es bedeutet, von den Eltern „einfach mitgenommen“ zu werden und eben davon, dass sich die Perspektive auf Wohnort und Lebensplanung verändert, wenn der Rücken anfängt, bei der Gartenarbeit weh zu tun.

Sonnenschutz im Beet und Überall

Das Objekt, das mich an meine Großmutter erinnert, ist ehrlich gesagt ein bisschen merkwürdig für die, die sie kannten: Sie war ein sehr modebewusster Mensch. Und das Objekt ist ein weißer Sonnenhut aus Baumwolle – einer Hut für Herren, der Schutz für Kopf, Augen und den oberen Nacken bietet. Ziemlich praktisch, aber nicht wirklich schick. Sein ursprünglicher Besitzer war Curt Kosswig , bedeutender Zoologe und Genetiker, geboren 1903. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wurde sein Leben zunehmend schwieriger, weil er sich mit mit seinen bedrängten jüdischen Kollegen solidarisierte. Ein Ruf an die Universität Istanbul gab ihm die Möglichkeit zusammen mit seiner Familie Deutschland zu verlassen. 

1944 gründet er in Baltalimanı am Bosporus das Institut für Hydrobiologie und entdeckt das „Vogelparadies“ am Manyas-See (das 1959 der erste Nationalpark der Türkei wird). 1955 folgt er dem Ruf der Universität Hamburg zurück nach Deutschland, doch seine Frau Leonore bleibt im gemeinsamen „Haus am Berg“ in der Türkei. So kehrt er regelmäßig bis zu seinem Tod 1982 in das alte neue Zuhause zurück. Dort wurde er auch auf seinen Wunsch hin begraben.

Alte Fotoaufnahme
Curt Cosswig in seinem Tomatengarten. (c) Sammlung Deutsches Auswandererhaus, Schenkung Kosswig

Das Hut? Den trug er draußen, beispielsweise bei Exkursionen oder eben in seinem Garten. Das erste Bild, das ich je von ihm gesehen habe, ist er als ergrauender Herr mit zurückgehendem Haar, mit klassischer Krawatte und für deutsche Herren seiner Generation ziemlich unüblichen Pluderhose. Er sitzt vor seinen offensichtlich sorgsam gewässerten Garten mit Tomatensträuchern in Bebek (Istanbul). Das Foto stammt aus einer ähnlichen Zeit wie die Anschaffung des Huts.

Licht und lichtes Haar


Wenn das Haar hell ist oder eben weiß und weniger wird, schützt es weniger vor UVA-Strahlung. Es wird mit hellerem Haar wichtiger, den Kopf vor der Sonne zu bedecken. Meine Großmutter war schon sehr früh grau und trug deshalb im Garten immer ein (gerne farblich zur Arbeitskleidung harmonierendes) Kopftuch über ihren Locken. Die Funktion ist die gleiche wie der weiße Hut. Und das ist der Grund für meine Verbindung.

Mein Garten und ich

Ein Mensch, der lange in seinem Leben viel getan hat und ist – die eine Schneiderin, der andere entdeckungsfreudiger Wissenschaftler – in seinem*ihrem Garten ist er*sie erst einmal Gärtner*in. Und die gehen dann vermutlich sehr individuell an die Gartenpflege heran. In dem, was sie anbauen, ob es „hübsch“ oder „ordentlich“ sein soll (und was das überhaupt bedeutet), ob und wie sie Projekte planen, technische Probleme lösen und wie und was sie wie lernen. Ein Garten und sein*e Gärtner*in gehen eine einmalige Verbindung ein. Sie verändern sich gemeinsam mit Haustieren, Kindern und Partnerschaften, geistiger und körperlicher Gesundheit und dem Alter. Ein Garten sagt etwas über seine*n Besitzer*in. Und der*die Besitzer*in etwas über den Garten.

Frau vor einem Bildschirm

Und Curt Kosswig und meine Großmutter hatten wirklich ganz unterschiedliche Vor- und Nachteile beim Gärtnern: Meine Großmutter war niemand, der mit vielen wissenschaftliche Vorkenntnissen an ihre Umwelt heranging. Ihre Gärten befanden sich immer nahe der deutschen Ostseeküste, also im Großen und Ganzen sich ähnelnden Klima- und Bodenbedingungen. Sie hatte großes Erfahrungswissen, teils über Generationen, mit der sie detailliert auf Probleme reagieren konnte. Und daraus entstand auch eine enorme Intuition, die ihr den „grünen Daumen“ auch für Zimmerpflanzen verlieh. Einem Neugärtner in der Türkei, der in Berlin geboren wurde und sein Leben an Orten wie Münster und Braunschweig zubrachte, würde so etwas wenig nützen. Kosswig hat dafür den großen Vorteil sich schnell in ökologische Themen einlesen und einarbeiten zu können und den Blick eines Wissenschaftlers und Beobachters zu besitzen, der ihm schnell alles Wichtige erschließt. Vielleicht war für ihn daraus auch ein hilfreiches Bauchgefühl entstanden.

Andere Böden, anderes Wetter

Gleich hinter dem Salon mit der Auch-Hut-Vitrine, im Museumsraum Grand Central Terminal, sieht man sehr eindrücklich an großen Leinwänden, Karten und Fotos, was es für Menschen bedeutet, auszuwandern und in eine neue Klimazone mit anderer Flora und Fauna (die ja für Curt Cosswig eine besondere Rolle spielten), anderen Jahreszeiten, anderen Böden – ja, in einer für einen selbst neuen Welt – Pflanzen anzubauen. Das dies ohne genug (Vor-) Wissen durchaus problematisch werden kann, erfuhren einige Auswander*innen auf schmerzlichste Art und Weise. In der Vitrine zu „Alter“ finden sich neben dem Hut unter anderem auch die „Aufzeichnungen über das Kolonistenleben in Brasilien“ von Ludwig Dienst.

Anbau zwischen Leben und Überleben

Der Schlosser wanderte mit siebenundfünfzig Jahren nach Brasilien aus, verlor seine Ernte an Trockenheit und Heuschrecken und musste nach Deutschland zurückkehren. Und damit war er leider nicht allein im Laufe der Auswanderungsgeschichte. Immer wieder endete der Traum von einer eigenen Farm sehr bald nachdem er begonnen hatte. Und insgesamt gibt es einige eindrucksvolle Biographien, die ich im Deutschen Auswandererhaus finden kann, die von Landwirtschaft geprägt sind. Aber zum Glück auch welche mit Happy End: Von einer siebenköpfigen Familie, die die Uckermark der 1860er hinter sich lässt, um in Australien Land zu erwerben, oder von einer Witwe, die die neu gegründete Familienfarm in Illinois auch ohne Ehepartner sehr erfolgreich durchbringt. Es sind spannende Geschichten von Menschen, die versuchen vom eigenen Grund zu leben.

Bildschirme
Vorne lese ich Berichte von den Schwierigkeiten vom Ankommen in anderen Ökosystemen, dahinter rauschen am Zugfenster jene Höfe vorbei , die es bis heute geschafft haben: Im Grand Central Terminal stehen sie sich gegenüber.

Gärtnern ist Hier-Sein

Aber nicht dasselbe wie jene Gärten, an die mich Curt Kosswigs Hut so erinnert. Die besondere Beziehung, die Menschen zu ihrem Garten haben, anders als zu ihrem Hof, steht schon lange zwischen einem Ort der zusätzlichen Versorgung, der Repräsentation, der Erholung und …ja…man könnte behaupten ( und ich vermute meine Großmutter hätte das ein wenig zu kompliziert gefunden) das einen Garten bewirtschaften eine Beziehung des „mit und in der Welt leben“ ist.

Mögen meine Tomaten diesen Garten?

Wer einen Garten hat, der muss die Pflanzen in ihren Bedürfnissen und Beziehungen zueinander verstehen, eine Idee von den Jahreszeiten entwickeln, der muss auch die Landschaft auf der anderen Seite des Zauns verstehen, muss mit dem Wetter interagieren. Mit Glück hat er*sie hier Zeit und Rahmen mit seiner direkten Umwelt in ein spielerisches, kreatives Verhältnis, in einen Austausch, zu kommen. Ganz gleich, ob er mit oder gegen die Umweltbedingungen wirtschaften will. Mögen meine Tomaten diesen Ort? Welche Kräuter trägt der Boden? Welche Blumen wachsen in dieser Region gut? Und am Ende: Das Ergebnis dieses Austauschs mit dem lokalen Boden ist, was man isst, als Strauß verschenkt oder in dessen Schatten man sich ausruht.

Hut

Ein Garten kann eine Methode sein, an einem Ort auch selbst „Wurzeln zu schlagen“ und sich sein eigenes „Reich“ zu schaffen, ganz bewusst Hier zu sein. Die Welt in der man angekommen ist in ihrer Tiefe zu verstehen und sich mit ihr auszutauschen. Oder dieses Boden-fassen und bescheidene Welt-Bemeistern zu erneuern, mit jedem neuen Beet und jedem Eintopf aus eigenem Gemüse, mit jeder geborgten Schaufel beim Nachbarn und jedem selbsteingemachten Tomatenchutney, das zum Dank wieder hinüber wandert. Wer die Zeit hat in seinem eigenen Garten graues Haar und gebräunte Haut zu bekommen, der wird dabei mit der Welt in der er lebt jeden Tag in Beziehung treten, ganz praktisch. Und die Zeit und das Zuhause anders und neu verstehen, die wächst, vergeht und ein Teil von einem wird.

Frau mit Brille lächelt in die Kamera
Magdalena Gerwien

Bremerhaven im Blick

Mehr aus und über Bremerhaven und Umzu …

A Read More
Detail: Sebastian Dannenberg, "EASY" edition in der Kunsthalle Bremerhaven (c) Cecilia Uckert

4 min read21. März 2019

„Art from the Block“ – Dannenberg in der Kunsthalle Bremerhaven

Der Künstler: Sebastian Dannenberg. Seine Ausstellung 2019 in Bremerhaven: „EASY as far as we can see“: minimalistische, architekturbezogene Kunst.

M Read More
Ein cremefarbener Kinderwagen aus den 1930er oder 1940er Jahren in einer Ausstellungsvitrine

7 min read20. Juni 2022

„Maikäfer flieg“

Man spürt es sofort: Im Deutschen Auswandererhaus erwartet die Besucher:innen etwas Besonderes. Die Räume des Museums sind in eine atmosphärische Dunkelheit getaucht, aber die Ausstellungsobjekte […]

m Read More
Besucherinnen betrachten die Ausstellung. Sie sehen interessiert und fröhlich aus.

5 min read22. Mai 2025

„mittendrin“: Ausstellung zu Behinderung und Teilhabe

Was braucht es eigentlich, damit unsere Gesellschaft wirklich inklusiv wird? Die aktuelle Sonderausstellung des Historischen Museums geht dieser und anderen Fragen nach und lädt dazu ein, die eigene Perspektive zu hinterfragen.

M Read More
Moin in Bremerhaven

6 min read6. Feb. 2020

„Moin“ sagt man in Bremerhaven

Sitten und Gebräuche im hohen Norden!