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Schwarzkiefer für das Stadttheater

2025 bekam das Stadttheater Bremerhaven einen neuen Bühnenboden. Bislang war das Plantagenholz «Pitch Pine» verbaut, abgelöst hat es die «Schwarzkiefer». Technischer Direktor Harm-Dirk Feldmann über Chancen und Hintergründe

Ein Bühnenboden auf der Bühne

Über den früheren Bühnenboden

Wieso tauschen wir den Bühnenboden aus?

Der Bühnenboden ist im Theater ein echtes Arbeitstier. Er muss unglaublich viel aushalten – von schweren Kulissen über intensive Proben bis hin zu Vorstellungen mit ganz unterschiedlichen Anforderungen. Seine Tragfähigkeit ist dabei klar geregelt, denn am Ende geht es immer darum, einen sicheren Arbeitsplatz für alle auf und hinter der Bühne zu gewährleisten.

Normalerweise liegt die Lebensdauer eines Bühnenbodens bei etwa zehn bis fünfzehn Jahren. Mit viel Pflege und regelmäßigen Ausbesserungen haben wir es allerdings geschafft, unseren Boden ganze 25 Jahre lang zu nutzen. Irgendwann wurden die Stellen, die repariert werden mussten, aber immer größer – und gleichzeitig haben sich auch die künstlerischen Anforderungen weiterentwickelt. An diesem Punkt war klar: Wir müssen reagieren. Ein neuer Bühnenboden war notwendig.

Wieso dann erst heute?

Wir haben den Zustand des Bodens regelmäßig überprüft. Altersbedingte Gebrauchsspuren waren dabei völlig normal und zunächst auch kein Problem. Mit der Zeit haben wir jedoch festgestellt, dass sich viele standardisierte Aufbauten immer schlechter befestigen ließen. Wenn wir unterschiedliche Auftrittssituationen schaffen wollten, wurde es zunehmend schwieriger, Gassen- und Kulissenwände sicher zu verschrauben. Ähnlich verhielt es sich mit bemalten Bodenplatten, die häufig an denselben Stellen befestigt werden.

Ein entscheidender Punkt waren zudem Unebenheiten im Boden. Teilweise waren diese so ausgeprägt, dass echte Stolpergefahren entstanden sind. Gerade für unser Ballettensemble ist das ein großes Risiko, denn ein unebener Boden kann schnell zu schweren Verletzungen führen.

Technische Anforderungen

Wie funktioniert die Konstruktion?

Ein Rohstück vom alten Bühnenboden
Bühnenboden von der Oberseite © Viktoria Helene Ong

Der Bühnenboden besteht dabei nicht einfach aus einer einzigen Fläche, sondern aus mehreren Schichten und Bauteilen. Bei uns am Stadttheater gibt es unterschiedliche Unterkonstruktionen, die je nach Bereich aus Beton oder Stahl bestehen. Die stählerne Unterkonstruktion kommt immer dort zum Einsatz, wo sich Bühnenflächen bewegen – etwa beim Orchestergraben, bei Hubpodien, der Drehscheibe oder bei Bühnenwagen. Darauf liegen Lagerhölzer und darauf wiederum die dreischichtigen Bodenplatten. Die oberste Schicht besteht aus Schwarzkiefer, die mittlere aus Sperrholz, der Gegenzug ebenfalls aus Sperrholz oder Nadelholz. Diese Kombination sorgt für Stabilität und eine möglichst gleichmäßige Oberfläche.

Welche Eigenschaften muss das Holz mitbringen?

An einen Bühnenboden werden ganz unterschiedliche Anforderungen gestellt. Laut Vorschrift müssen Bühnenflächen eben, splitterfrei und möglichst fugenlos sein. Nach 25 Jahren konnten wir das nicht mehr in allen Bereichen zuverlässig gewährleisten. Gleichzeitig bewegen wir regelmäßig große und schwere Kulissenteile über die Bühne – auch dafür muss der Boden ausgelegt sein und die nötige Tragkraft mitbringen.

Der alte Bühnenboden bestand aus dem Plantagenholz «Pitch Pine», der neue aus «Schwarzkiefer». Pitch Pine ist sehr harzhaltig, was den Vorteil hat, dass sich Schraublöcher mit der Zeit wieder «zuharzen». Schwarzkiefer ist weniger harz- und kernholzreich und hat dadurch zwar eine etwas geringere Lebensdauer, bringt aber andere Vorteile mit: Sie ist nachhaltiger, kostengünstiger und stammt aus europäischer Forstwirtschaft. Die noch verfügbaren Restbestände von Pitch Pine sind qualitativ zudem nicht mehr mit dem Holz von vor 25 Jahren vergleichbar. Ein weiterer Pluspunkt ist die neue Bühnenfarbe, die wir jetzt verwenden. Sie hat deutlich kürzere Trocknungszeiten, sodass wir den Boden häufiger auffrischen können.

Nutzen alle Theater heute Schwarzkiefer oder gibt es noch andere Optionen?

Grundsätzlich werden Bühnenböden aus Pitch Pine, Oregon Pine oder Schwarzkiefer gefertigt. Alle drei Holzarten haben ihre Vor- und Nachteile. Schwarzkiefer gilt dabei als die zukunftsfähigste Lösung. Gerade der Import von Plantagenhölzern wird zunehmend schwieriger oder ist teilweise kaum noch möglich, weshalb viele ausführende Firmen ihre Produktion inzwischen auf Schwarzkiefer umstellen.

Hat das Konzert andere Anforderungen, als Musiktheater, Ballett und Schauspiel?

Jede Sparte und jedes Format stellt ganz eigene Anforderungen an den Bühnenboden. Während das Orchester weniger auf die Bühnenmaschinerie angewiesen ist, spielt diese im Schauspiel oder Musiktheater eine zentrale Rolle. Dort wird der Boden deutlich stärker beansprucht, etwa durch häufige Auf- und Umbauten. Bühnenbildteile müssen immer wieder gegen ungewollte Bewegungen gesichert werden – dabei geht es nicht nur darum, den Boden zu schützen, sondern auch darum, die künstlerische Umsetzung nicht einzuschränken.

Im Ballett wiederum steht die Reduzierung der körperlichen Belastung im Vordergrund. Hier wird ein sogenannter Schwingboden eingesetzt, der Sprünge und Bewegungen abfedert und so Gelenke und Muskulatur langfristig schont.

Ausblicke

Was ist heute anders als vor 25 Jahren?

Zu sehen ist die Lieferung der fertigen Bühnenböden
Bühnenbodenlieferung © Viktoria Helene Ong

Ein großer Vorteil bei der Planung des neuen Bühnenbodens war die erneute Zusammenarbeit mit dem Planungsbüro Kunkel Consulting International, kurz KCI. KCI hat bereits die große Sanierung im Jahr 2000 begleitet und ist bis heute mitverantwortlich für die Flexibilität und die technischen Möglichkeiten unseres Hauses – etwas, das in der Stadttheaterlandschaft nicht selbstverständlich ist. Gemeinsam mit den verschiedenen Abteilungen konnten wir unsere Erfahrungen aus 25 Jahren einbringen und gezielt Anpassungen vornehmen. Der neue Bühnenboden ist im Grundaufbau zwar identisch zum alten, bietet uns durch zusätzliche Klappen und Schächte aber deutlich mehr Flexibilität im täglichen Betrieb.

Was passiert in der nächsten spielfreien Zeit?

Wir sind noch nicht fertig mit dem Umbau: In der kommenden Pause stehen der Drehscheibenwagen, die Seitenbühne links, Bühnenwagen und die Unterbühne an. Erst einmal haben wir nur die Hauptbühne inklusive Orchesterpodien geschafft.

Wie lang soll der neue Bühnenboden halten?

Ungefähr 15 Jahre, vielleicht sogar 20: Wir müssen hier erst noch Erfahrungen sammeln, da Schwarzkiefer das erste Mal bei uns zum Einsatz kommt. Am Ende spielen auch die künstlerischen Konzepte eine große Rolle. Sie verändern sich mit der Zeit – und mit ihnen die technischen Anforderungen. Ein Bühnenboden muss deshalb nicht nur heutigen Ansprüchen gerecht werden, sondern auch Spielraum für neue Ideen lassen.

Gibt es weitere Baumaßnahmen?

Grundlage für all das ist ein gemeinsam mit der Eigentümerin abgestimmter Fünfjahresplan. Die große Herausforderung besteht darin, die notwendigen Maßnahmen ganzheitlich zu betrachten und sinnvoll zu priorisieren – insbesondere vor dem Hintergrund, dass auch die bestehende Technik nach 25 Jahren erste Ermüdungserscheinungen zeigt. Parallel stehen weitere große Aufgaben an, etwa die Sanierung der Fassade, die teilweise denkmalgeschützt ist und in einigen Bereichen noch keine Dämmung aufweist.

Das Interview führte Viktoria Helene Ong, das Titelfoto kommt von Juana Rillke.

Wo es den Bühnenboden zu kaufen gibt

Aus dem alten Bühnenboden wurden 685 durchnummerierte «BüBos» gefertigt. – Handliche Klötze von 11,5 x 11,5 cm. Diese suchen ein neues Zuhause in Wohnzimmern, Büros oder Regalen. Für 30 Euro pro Stück gibt es an der Theaterkasse ein Unikat mit echtem Bühnen-Flair.

Jeder Klotz ist einmalig, genau wie die 685 Sitzplätze im Großen Haus. Der Erlös unterstützt das Norddeutsche Festival für junges Publikum «Hart am Wind».

Die kunstvollen Lasergravuren auf den BüBos stammen von ZIRCULA e.V. – einem Verein, der Kreislaufwirtschaft lebt und wertvolle Erinnerungsstücke erschafft.

zwei freundliche Frauen vor dem Stadttheater Bremerhaven
Stadttheater Juana Rillke und Viktoria Ong

Im Herzen von Bremerhaven erzählen wir Geschichten vor und hinter der Bühne, zwischen Handwerk, Kunst und Technik. – Über Theater, das fesselt, begeistert und verbindet. https://stadttheaterbremerhaven.de

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