„Moin“ sagt man in Bremerhaven

Moin! Ihr wollt zu uns an die Küste in den hohen Norden kommen, habt aber Sorgen wegen der Sprachbarriere und unserer Sitten und Gebräuche? Keine Angst! Heute bekommt Ihr einen Schnellkurs, so dass Eurem unbeschwerten Urlaub bei uns in der Seestadt Bremerhaven nichts mehr im Wege steht.

Tanja stapft bei Sturm über den Deich in Bremerhaven (c) Marco Butzkus
Kragen hoch, Kopf eingezogen, Hände in den Taschen vergraben. Tanja stapft bei Sturm über den Deich (c) Marco Butzkus

Begrüßungsrituale

Begegnet der Urlauber einem Bremerhavener, der die Hände tief in den Taschen vergraben hat, die Augen zusammen kneift und stur geradeaus blickt, bedeutet dass nicht, dass Euer Gegenüber grimmig oder gar böse ist. Definitiv nicht! Das ist nur die natürliche Körper- und Kopfhaltung, wenn einem die kräftige Brise so richtig entgegen pfeift. Da heißt es, Schultern hoch, Kopf runter und dem Wind trotzen. Bei Sturm oder auch Sonnenschein schützt sich der Küstenbewohner außerdem gegen den Wind oder Fliegen, die ihm in den Rachen fliegen könnten, so dass er Euch nur mit einem knappen „Moin“ begrüßt. Der größte Fehler wäre, mit „Moin, moin“ zu antworten. Wir Nordlichter gehen mit Worten und Gefühlen wohlbedacht und dosiert um. Ein „Moin, moin“ ist also unnützes Gesabbel, dass Euch sofort als Auswärtigen enttarnen würde.

Tanja erklärt Lina-Amarie den Weg (c) Marco Butzkus
Tanja erklärt Lina-Amarie, dass sie umzu gehen muss (c) Marco Butzkus

Kein Rundlauf um den Tisch

Wie bereits erwähnt, gehen wir sparsam mit Worten und Gesten um. Wundert Euch daher nicht, wenn Ihr oft das Wort „umzu“ hört. Das ist typisch bremerhavenerisch und bedeutet nichts anderes als „drum herum“. Ihr müsst selbst zugeben, dass umzu nicht nur gefälliger über die Lippen kommt, sondern auch noch Zeitsparend und trotzdem allumfassend und verständlich ist. Auch begegnet Ihr hier öfter dem Ausdruck „um den Pudding gehen“. Erwartet bittet nicht, dass der Bremerhavener bei solch einem Ausspruch aufspringt und um den Tisch rumrennt. Nein! Es beschreibt lediglich einen Spaziergang um den Häuserblock.

Ein Pudding steht auf einem Stadtplan. Umzu sind Fußabdrücke eingezeichnet (c) Tanja Albert
In Bremerhaven gehen wir „um den Pudding“ (c) Tanja Albert

Jetzt wird’s ernst

Brenzlig wird es allerdings, wenn Ihr den Ausdruck „kielholen“ hört. Das ist kein Schreibfehler, und es will auch niemand etwas aus Kiel holen. Hierbei handelt es sich um eine frühere Form der Bestrafung auf Schiffen. Das zu richtende Besatzungsmitglied wurde über Bord gestoßen und mit Hilfe eines Taus längsseits unter dem Kiel des Schiffes entlanggezogen. Neben dem Sauerstoffmangel, fügte man dem Betroffenen durch den Seepockenbesatz am Schiffsrumpf empfindliche und schwer heilende Schnittwunden zu.

Wegbeschreibung von Bremerhaven nach Kiel (c) Tanja Albert
Kartenausschnitt mit dem Routenverlauf von Bremerhaven nach Kiel

Undefinierbar, aber lecker!

Wer unsere herzhafte und schmackhafte Küche kennenlernen möchte, kommt um Labskaus nicht herum. Zugegeben, es sieht nicht unbedingt appetitlich aus, und manch einen erinnert es an etwas anderes als an eine Speise. Verdächtig wirken mag auch, dass das Ganze unter einem Spiegelei verborgen serviert wird. Aber traut Euch! Ich gehe fast jede Wette ein, dass Ihr dem Gericht nach dem Probieren ebenso verfallen seid wie wir Küstenkinder!

Moin – und so geht’s

Um Euch die Skepsis zu nehmen, hier ein Rezept des sättigenden Seemannsgerichts. Es besteht aus gepökeltem Rindfleisch, was gut haltbar auf keiner der langen Reisen der Windjammer fehlen durfte. Zusammen mit gekochten Kartoffeln und Zwiebeln durch den Fleischwolf drehen. Am nächsten Tag klein geschnittene Gewürzgurken unterrühren und alles erhitzen. Dazu gekochte Rote Bete, die mit Essig, frischem Meerrettich, Zwiebel, Zucker, Salz und Pfeffer angemacht wird.  Matjesfilets mit Apfelscheibchen und Zwiebeln belegen, aufrollen und mit einem (unbenutzten) Zahnstocher zusammenhalten. Alles hübsch auf einem Teller arrangieren – das Auge isst schließlich mit – und mit einem Spiegellei krönen. Guten Appetit!

Essen die Gras?!?

Die Antwort lautet nein! Wenn Ihr im Mai und Juni Einheimische über die Salzwiesen am Außendeich schleichen seht, die scheinbar Gras ernten, habt Ihr Euch geirrt. Es handelt sich dabei um Röhrkohl, auch Strand-Dreizack genannt. Nur lizensierte Einheimische dürfen Röhrkohl, der wie Gras aussieht, stechen (ernten). Er wird auf vielfältige Art und Weise zubereitet, klassisch jedoch wie Grünkohl mit deftigen Fleischbeilagen in einer cremigen Mehlschwitze. Als Beilage werden Kartoffeln serviert. Wenn Ihr Gelegenheit habt und das Gericht auf der Speisekarte ausgewählter Restaurants seht, solltet Ihr nicht lange überlegen und zulangen. Genuss pur!

Moin – Kein Schicki-Micki bei uns

Auch im Glas zeigt sich die norddeutsche Klarheit. Als Longdrink ohne falsches Getue trinkt man bei uns Korn-Cola. Dabei bestimmt die Reihenfolge dieser beiden Zutaten auch das Mischungsverhältnis. Bei Korn-Cola überwiegt der Kornanteil, bei Cola-Korn der Colaanteil. Je nach Geschmack einfach mit Glaswürfeln in einem Longdrinkglas servieren und genießen. Im Winter greifen wir dann gern zu einem ordentlichen steifen Grog. Bei diesem wärmenden Getränk gilt die Regel: Rum muss, Wasser kann, Zucker darf. Serviert wird das Heißgetränk in speziellen Groggläsern. Dazu den Glasstößel in das Grogglas stellen, Zucker einfüllen, kochendes Wasser hinzufügen, mit Rum auffüllen, umrühren und genießen. Herrlich dampfend und wärmend!

Was meinen die bloß?

Begegnet Euch der Ausspruch „Halt‘ den Sabbel“ empfiehlt es sich, den Mund zu halten. Das Gegenüber hat für den Moment genug von dem Wortschwall und benötigt etwas Ruhe. Bei „hau die Hacken in den Teer“ ist nicht gemeint, dass Ihr Eure Schuhe in den Straßenbelag rammen sollt, sondern, dass Ihr Euch beeilen sollt. „Bist’n bisschen tüddelig?“ ist die Frage danach, ob Ihr etwas vergesslich oder verwirrt seid.

Der Blick spricht Bände

„Zieh‘ nicht solch eine Schnute“ fordert Euch auf, nicht weiter zu schmollen und mürrisch dreinzublicken. So bezeichnet „muksch sein“ auch einen beleidigten und eingeschnappten Menschen. „Mien Seuten“ kann dann aber der einen oder anderen Dame unter Euch in den Ohren klingen. Das bedeutet nichts anderes als „meine Süße“.

Moin und Prost !

Während wir bei anderen Gelegenheiten durchaus sparsam mit Worten umgehen, fällt der Trinkspruch oft etwas länger aus. „Nicht lang schnacken, Kopp in‘ Nacken“ meint, mit dem Reden aufzuhören und stattdessen einen Kurzen (Schnaps) in einem Zug zu trinken. Wir sind stolz darauf, Fischköppe zu sein. Aber Vorsicht! Wir lassen uns nicht von jedem so bezeichnen, denn der Ausdruck kann sowohl scherzhaft als auch abwertend klingen. Wenn Euer Gesprächspartner sagt „Nu‘ gib mal Butter bei die Fische“ ist das erstens kein Indiz dafür, dass er schlechtes Deutsch spricht und zweitens auch keine Aufforderung, Euch in die Küche und an den Herd zu begeben. Vielmehr ist es der Hinweis, dass Ihr bitte Klartext reden und die Wahrheit sagen sollt. Da sind auch keine Fisimatenten mehr erlaubt, also keine Ausflüchte mehr geduldet.

Moin! Im Norden zählt man zum Einschlafen keine Schafe. Wir zählen Möwen.

„Heute schon sehen, wer morgen zu Besuch kommt“ bezeichnet unsere wunderschöne weite, flache Landschaft. Denn hier können wir so weit schauen, dass wir heute schon sehen können, wer uns morgen besuchen wird. Eine „steife Brise“ ist ein starker Wind, aber Sturm ist erst, wenn die Schafe keine Locken mehr haben. Ein Südwester ist übrigens kein Bewohner Deutschlands aus dem süd-westlichen Raum, sondern eine wasserdichte Kopfbedeckung für Seefahrer. Und wir Frauen haben oft eine Vorliebe für Tüdelkram. Das sind überflüssiger, aber oft liebenswerter, Kleinkram. Dafür halten wir auch gern mal die „Klüsen offen“, also die „Augen offen“.

Und auch bei uns gilt: „Der tut nichts. Der will nur spielen!“