Mit dir auf Augenhöhe: Mit dem Rollstuhl durch die Seestadt

Die Sonne strahlt mit dem blauen Himmel um die Wette als ich mich mit Silvana Nowacki treffe. Silvana arbeitet hauptberuflich als Buchbinderin und ist außerdem im Inklusionsbeirat Bremerhaven sowie als Vorsitzende des Vereins „Aktive Förderung behinderter Menschen“ und als Trainerin im SVB Bremerhaven für „Selbstverteidigung für Menschen mit Behinderung“ tätig. Silvana und ich haben heute etwas Spannendes vor, denn sie wird mir unsere Stadt aus ihrer Perspektive zeigen. Was unsere Sichtweisen unterscheidet, fragt ihr euch? Silvana ist auf einen Rollstuhl angewiesen, und ich werde heute ein Gespür dafür bekommen, welche Anforderungen dieser Umstand an die Stadt und ihren Alltag stellt. Gleichzeitig wird sie feststellen, dass auch ich auf Hindernisse treffe. Auf geht’s!

Glatte Bodenbeschaffenheit erleichtert die Fortbewegung mit dem Rollstuhl (c) Tanja Albert

Silvana fährt mit ihrem Rollstuhl über die glatte Bodenfläche im Mediterraneo (c) Tanja Albert

Wir genießen an diesem heißen Sommertag die angenehme Kühle im Mediterraneo. In den breiten Gängen mit dem glatten Bodenbelag als Mittelstreifen zwischen den kleinformatigeren Pflastersteinen ist die Fortbewegung für Rollstuhlfahrer und Menschen mit Rollatoren und Kinderwagen einfach. Vom Parkhaus kommend erleichtern automatische Türöffner den Zutritt. Und – wie wir beobachten können – werden diese nicht nur von Rollstuhlfahrern genutzt, die sonst die großen, schweren Türen nicht selbstständig öffnen könnten. Die überwiegende Mehrheit der Gäste nutzt diese Türöffner. Das, was für Silvana hier unabdingbar notwendig ist, stellt sich als Komfort für Alle heraus. Ich erkläre ihr, dass auch ich Probleme habe, die Türen zu öffnen, wenn ich Taschen in der Hand habe. Das war ihr gar nicht so bewusst. Auch Familien mit Kinderwagen kämen ohne diesen Schalter nicht oder nur sehr mühsam zurecht.

Unser Weg führt uns durch den Ausgang Richtung Deutsches Schifffahrtsmuseum. Wir haben Glück! Die schweren Holztüren lassen sich hier nicht automatisch öffnen, stehen aber heute wegen des warmen Wetters offen. Die Centerleitung hat aber bereits signalisiert, dass auch diese Türen bis 2020 automatisiert werden sollen.

Jetzt stehen wir am Hinterausgang, wo ich mich erst einmal orientieren muss. Als Fußgänger würde ich in gewohnter Weise einfach geradeaus die breiten, flachen Treppen benutzen. Das ist mit Silvana an meiner Seite natürlich nicht möglich. Es ist kein Hinweisschild vorhanden. Also muss ich mich kurz umsehen und entdecke dann die Rampe rechts am Gebäude Richtung Deich.

Weiter führt uns unser Weg entlang des Museumshafens. Doch bevor wir auf den glatten, roten Boden-Klinker gelangen, ist ein etwa ein Meter breiter Schotterstreifen vorhanden. Etwas, das ich vorher nie bewusst wahrgenommen habe. Heute jedoch merke ich, dass das Überqueren dieses Untergrunds Silvana mit dem Rollstuhl nicht leicht fällt. Vor dem Deutschen Schifffahrtmuseum verweilen wir etwas im Schatten. Automatisch setze ich mich auf den Vorbau vor den großen Fensterflächen, denn ich möchte mich auf Augenhöhe mit Silvana unterhalten und nicht ständig auf sie runter schauen müssen und sie nicht zu mir hoch. Wir plaudern über dies und das und zwischenzeitlich vergessen wir, was der eigentliche Anlass unseres Ausflugs ist. So begegnen wir uns auch mental auf Augenhöhe und nicht mit dem Fokus auf „behindert“ und „nicht-behindert“.

„Was bedeutet Behinderung eigentlich?“ philosophieren wird. Ich erfahre, dass Silvana seit 2007 durch eine fortschreitende Erkrankung im Rollstuhl sitzt. Meine Annahme, dass das eine Verschlechterung in ihrem Leben darstellt wird schnell entkräftet. Silvana konnte immer schlechter gehen, so dass sie bald immer weniger am gewohnten Leben teilhaben konnte. Der Rollstuhl ist ein Fortbewegungsmittel für sie, der es ihr ermöglicht, sich wieder selbstständig, selbstbestimmt und unabhängig fortzubewegen. Ich merke, dass gerade diese Selbstständigkeit, die viele Menschen als selbstverständlich ansehen, etwas enorm Wichtiges ist und Lebensqualität darstellt.

Ein Strand mitten in der Stadt – wo gibt es das schon?

Doch nun geht es erst einmal ins Weser-Strandbad. Herrlich! Weserstrand mitten in der Stadt und tatsächlich für jedermann zugänglich. Neben den regulären Toiletten und Umkleiden gibt es auch entsprechende Räumlichkeiten für Menschen mit Behinderung bzw. Rollstuhl. Das bedeutet, es sind Rampen, breite Zugänge und ausreichend Bewegungsfreiheit vorhanden.

Großzügige Umkleidekabinen im Weserstrandbad (c) Tanja Albert

Blick auf die behindertengerechten Umkleidekabinen im Weserstrandbad (c) Tanja Albert

Mit dem Rollstuhl an den Strand

Aber das Beste kommt noch! Wo gemeinsamer Sonnenbadespaß normalerweise enden würde, weil Rollstühle nun mal nicht auf Sand fahren können, hat die Bädergesellschaft Bremerhaven einen Holzsteg auf den Strand verlegt. Über diesen gelangen Besucher mit Rollstuhl, Rollator und Kinderwagen bequem zu ihrem gewünschten Platz. Und damit nicht genug! Es stehen sogar zwei Strandkörbe für Rollstuhlfahrer zur Verfügung, die gemietet werden können und nicht teurer sind als die regulären Strandkörbe. Schade, dass Silvana und ich heute keine Zeit haben und weiter müssen.

Strandkorb für Rollstuhlfahrer im Weserstrandbad Bremerhaven (c) Tanja Albert

Silvana im rollstuhlgerechten Strandkorb im Weserstrandbad Bremerhaven (c) Tanja Albert

Unser Weg führt uns weiter Richtung Fußgängerzone und das Columbus Shopping Center. Beim holprigen, leicht ansteigenden Gehweg Richtung Richtfunkturm (die Bremerhavener nennen ihn Radarturm) unterstütze ich Silvana etwas und schiebe sie ein Stück. Eine Erleichterung für sie, aber die gebückte Haltung, um an die tief angebrachten Griffe zu gelangen, merke ich schnell in meinem Rücken.

Mit dem Rollstuhl einkaufen – die Tücken des Alltags

Im Columbus Shopping Center gelangen wir mit dem Fahrstuhl problemlos in die erste Etage und schlendern entlang der Geschäfte. Wir müssen noch eine Kleinigkeit besorgen und beim Bezahlen muss ich dann doch schmunzeln. Ich kenne die Herausforderung, wenn ich in den Tiefen meiner Handtasche nach dem Portmonee suche. Jetzt sehe ich, dass es auch andere Hürden gibt, denn Silvana muss geschickt mit dem Rollstuhl rangieren, um die Waren aufs Band zu legen und der Kassiererin das Geld zu reichen. Eine Alltäglichkeit, die aber gelernt sein will.

Die Waren vom Rollstuhl aus aufs Band legen (c) Tanja Albert

Silvana mit dem Rollstuhl an der Kasse beim Einkaufen (c) Tanja Albert

Das „stille Örtchen“ für Rollstuhlfahrer

Bevor wir das Einkaufscenter wieder verlassen, suchen wir die Toiletten auf. Der breite Zugang zu den behindertengerechten Toiletten lässt sich hier mit einem Euro-WC-Schlüssel öffnen. Praktisch!

Silvana vor dem Zugang zu den behinderten gerechten Toiletten (c) Tanja Albert

Zugang zur behinderten gerechten Toilette im Columbus Shopping Center (c) Tanja Albert

Stets auf Augenhöhe

Der letzte Abschnitt unseres gemeinsamen Ausflugs führt uns zur Tourist-Info Hafeninsel. Zwar lassen sich auch hier die Türen nicht automatisch öffnen, aber bei dem schönen Wetter stehen sie sowieso weit offen. Ansonsten helfen die Mitarbeiter gern. Die Bewegungsfläche vor der Prospektwand ist geräumig. Werden Broschüren aus den oberen Regalen gewünscht, helfen auch hier die Touristiker weiter. Für längere Beratungsgespräche steht ein extra Schreibtisch ohne hohen Aufsatz bereit, damit sich hier Rollstuhlfahrer und Berater auf Augenhöhe unterhalten können.

Mit dem Rollstuhl beim Beratungsgespräch (c) Tanja Albert

Silvana im Rollstuhl in der Tourist-Info Hafeninsel (c) Tanja Albert

Die Zeit ist wie im Fluge vergangen, stellen wir beide fest, als wir uns nun vor der Tourist-Info verabschieden.

Verabschiedung vor der Tourist-Info Hafeninsel (c) Tanja Albert

Silvana und ich verabschieden uns vor der Tourist-Info Hafeninsel (c) Tanja Albert

Auf dem Weg ins Parkhaus „stolpern“ wir beide über die gleiche Hürde. Teilweise sind die Rillen zwischen den Pflastersteinen hier etwas ausgewaschen. Das ist weder für Fußgänger, die einen Absatzschuh tragen, noch für Silvana im Rollstuhl angenehm.

Mit dem Rollstuhl über Pflastersteine (c) Tanja Albert

Ausgewaschene Fugen im Pflaster erschweren die Fortbewegung mit dem Rollstuhl (c) Tanja Albert

Silvana wollte, wenn sie könnte

Und gleich soll ich die letzte Hürde unseres heutigen Ausflugs kennenlernen. Bis jetzt habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht, aber Silvana kann die Parkgebühr nicht zahlen. Nicht, weil sie kein Geld dabei hat, sondern weil der Münzeinwurfsschlitz zu hoch ist. Für heute kein Problem, weil ich dabei bin, aber an anderen Tagen muss sie warten, bis jemand vorbei kommt und ihr behilflich ist.

Im Rollstuhl vor dem Parkautomaten (c) Tanja Albert

Silvana im Rollstuhl vor dem Parkautomaten (c) Tanja Albert

Die Wege in den Havenwelten Bremerhaven sind mit unterschiedlichem Pflaster versehen, die Seheingeschränkten, Blinden, Rollatornutzern, Kinderwagenfahrern und Rollstuhlfahrern die Orientierung und Nutzung erleichtern. Mein Fazit unseres heutigen Tages: Es ist bereits viel geschehen und was geschehen ist, bietet einen Komfort für Alle. Klar ist aber auch, dass es bei diesem Thema nie ein „Ende“ geben wird, denn es ist eine nicht enden wollende Weiterentwicklung, von der wir alle profitieren.

Unterschiedliche Untergründe erleichtern Blinden und Rollstuhlfahrern in den Havenwelten Bremerhaven das Zurechtfinden und Fortbewegen (c) Tanja Albert

Unterschiedliche Bodenbeschaffenheiten in den Havenwelten Bremerhaven (c) Tanja Albert

Das könnte Dich auch interessieren: Geschichte mit den Ohren und Händen erleben: Blind im Museum