Märchenhafte Heimat? Leseausstellung zu Migration im Märchen im Deutschen Auswandererhaus

Zwei Kinder, die von ihren Eltern ausgesetzt werden und in der Fremde allein zurechtkommen sollen? Vier Tiere, zu Hause „ausrangiert“, die in Bremen ihr Glück machen wollen? Wer die Dauerausstellung des Deutschen Auswandererhauses verlässt, der stößt neuerdings am Ende seines Rundgangs auf diese Geschichten – in der Leseausstellung „,Etwas Besseres als den Tod findest du überall.‘ Heimat und Migration in den Märchen der Brüder Grimm“, die das Deutsche Auswandererhaus bis zum 31. Dezember 2019 zeigt.


Bis zum 31. Dezember 2019 wartet auf Besucher des Deutschen Auswandererhauses nach der Dauerausstellung noch ein Abstecher in die Märchenwelt: eine Leseausstellung zu Heimat und Migration in Grimms Märchen. © Deutsches Auswandererhaus / Foto: Anneke Wortmann

Märchen, Heimat und Politik

Gewissermaßen „schwarz auf weiß“ erwarten die Geschichten die Besucher hier, fast schon nüchtern. Eine Überraschung – denn wer hat nicht bei Märchen sofort bunte Bilder im Kopf? Nicht nur von alten Märchenbüchern mit ihren Illustrationen von dunklen Wäldern, hinterlistigen Hexen und bösen Stiefmüttern. Sondern auch oft genug von Kindheitserinnerungen, Gutenachtgeschichten und Leseabenden mit Eltern und Großeltern. „Viele Menschen verbinden Märchen mit Heimat“, erklärt mir mein Kollege Christoph Bongert, der die Ausstellung gemeinsam mit der Direktorin des Deutschen Auswandererhauses Dr. Simone Eick kuratiert hat. „Und gleichzeitig ist ,Heimat‘ auch ein politisch aufgeladener Begriff. Er wird oft benutzt, um Grenzen zu ziehen zwischen ,uns‘ und ,den anderen‘.“ Wer genauer hinschaut, stößt allerdings häufig in der eigenen Heimat auf Spuren von Migration. Sowohl im realen Leben als auch in der Welt der Märchen.


Wer denkt bei Märchen nicht zuerst an bunte Bilder aus Kinderbüchern? Dieses Bild von Hänsel und Gretel entstammt allerdings einem US-amerikanischen Schallplattencover aus den 1950er-Jahren. © Sammlung Deutsches Auswandererhaus

In der Ausstellung liegen die Märchen in schwarzen Heften zum Nachlesen bereit: fünf Geschichten der Brüder Grimm, sowohl in den ersten Fassungen, die 1812 und 1819 erschienen sind, als auch in den letzten Fassungen von 1857. Die Ausstellungstexte, die auf weißen Fahnen an den Wänden hängen, helfen dabei, Migration in den Märchen zu entdecken. Da ist zum Beispiel die Rede von Hänsel und Gretel, die ihre Heimat als bedrohlichen Ort wahrnehmen müssen, werden sie doch von ihren Eltern in den dunklen Wald verstoßen. Da erfahren Besucher auch mehr über Schneewittchen, gegen die ein Mordkomplott gehegt wird, und zwar von oberster Stelle: Denn ihre Mutter, die Schneewittchen den Tod wünscht, ist gleichzeitig auch die Königin des Reiches, in dem Schneewittchen lebt. Und es geht auch um die Bremer Stadtmusikanten, für die „Heimat“ und „Arbeitsplatz“ zeit ihres Lebens Synonyme waren – bis sie eines Tages nicht mehr arbeiten können und sich auf die Suche nach einer neuen Heimat machen.

Menschen, die aus ihrer Heimat verstoßen werden oder ein Staat, der seine eigenen Bürger exekutieren lassen will, Menschen auf der Suche nach einer neuen Heimat – die Ausstellungstexte verleiten dazu, Grimms Märchen als „Migrationsgeschichten“ neu zu lesen. Außerdem liefern sie Hintergrundinformationen dazu, wie Grimms Zeitgenossen die Geschichten damals verstanden. Was bedeutete es im 19. Jahrhundert, Kinder auszusetzen oder sogar zu verkaufen? Wie war es für Kinder, von zu Hause auszureißen, und warum suchten sich die Stadtmusikanten gerade Bremen als Reiseziel aus? So liefern die Märchen auch einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt des 19. Jahrhunderts, als Bremen noch den Ruf einer reichen Hansestadt hatte und Eltern die Arbeitskraft ihrer Kinder verkauften, um über die Runden zu kommen. Sein Kind zu verkaufen, das war allerdings auch damals schon eine Ungeheuerlichkeit.

Vom Leben im einsamen Turm – Rapunzel


Rapunzels Geschichte beginnt mit einer unheilvollen Forderung… © Deutsches Auswandererhaus / Foto: Iria Sorge-Röder

Ich fange an zu lesen, von Rapunzel, die von Anfang an fern der Heimat ihrer Eltern lebte. Denn die Schwangerschaftsgelüste ihrer Mutter nach Rapunzeln, die im Garten der Zauberin wuchsen, waren einfach zu stark, und so klaute der Vater sie kurzerhand. Die Strafe: Rapunzel wurde schon vor ihrer Geburt der Zauberin versprochen. Doch nicht nur musste sie dadurch von Anfang an getrennt von ihren Eltern leben, dieses Leben war auch alles anderes als angenehm: Mit ihrem zwölften Geburtstag wurde Rapunzel in einen kleinen Turm ohne Türen gesperrt. Einsam verbrachte sie hier ihre Tage. Nur die Zauberin zog sich ab und zu mal an ihrem langen Zopf den Turm hoch, um Rapunzel etwas zu essen vorbeizubringen. Was für ein Leben! Heimatlos und unheimelig. Unheimlich könnte man es auch nennen. Doch von der Erfahrung, keine Heimat zu haben, können nicht nur Märchenfiguren ein Lied singen.

Ein schwerer Neuanfang – Helene Maeckel

Mir kommt da zum Beispiel Helene Maeckel in den Sinn, eine der 18 Auswandererbiographien, die Besucher in der Dauerausstellung des Deutschen Auswandererhauses kennenlernen können. Sie lernte die Heimat ihrer Eltern nie kennen: das sächsische Lengefeld, in dem sie 1850 geboren wurde und wo ihr Vater als Huf- und Waffenschmiedemeister arbeitete. Die Konkurrenz unter den Schmieden im Erzgebirge machte der Familie allerdings zunehmend zu schaffen, und so fassen die Eltern den Entschluss, nach Texas auszuwandern. Mit dabei: die kleine Helene, die zum Zeitpunkt der Auswanderung gerade zwei Jahre alt war. Allerdings dürften der Familie schon bald Zweifel gekommen sein, ob die Auswanderung wirklich zur Lösung ihrer Probleme beitrug oder eher noch mehr Katastrophen verursachte.


Spuren von Helene Maeckel in der „Galerie der 7 Millionen“ im Deutschen Auswandererhaus. Das untere Bild zeigt den Arbeitsplatz ihres Vaters bis zur Auswanderung im Jahr 1852. © Deutsches Auswandererhaus / Foto: Iria Sorge-Röder

Schon während der Überfahrt starben zwei Brüder von Helene. Immerhin: Im texanischen Frelsburg gelang es der Familie, eine Farm zu kaufen. Aber bereits 1853 starb Helenes Mutter, drei Jahre später der Vater. Es ist schwer, sich die Einsamkeit auszumalen, mit der Helene damals leben musste. Mag sein, dass sie sich zeitweilig so isoliert fühlte wie Rapunzel in ihrem Turm. Doch nicht nur Rapunzels Geschichte wendet sich, trotz aller katastrophalen Anfänge, schließlich zum Guten. Im Märchen wie auch im realen Leben sind es oft Menschen, die die Einsamkeit durchbrechen: ein Prinz, der Rapunzel schlussendlich aus ihrem Turm holt, ein Onkel, der sich Helene und ihres Bruders annahm. Bei ihm blieb sie, bis sie mit 18 Jahren einen Kaufmann heiratete. Spätestens für ihre Kinder und Kindeskinder wurden die USA zur Heimat. Ihre Nachfahren leben bis heute in Texas.

Ich lese weiter, von Hänsel und Gretel, die von ihren Eltern im Wald sich selbst überlassen wurden. Von Schneewittchen, deren eigene Mutter (erst in späteren Märchenversionen ist es die Stiefmutter) einen Mordkomplott gegen sie hegt. Und natürlich von den Bremer Stadtmusikanten, deren Heimat dort ist, wo sie arbeiten – was auch bedeutet, dass sie im Alter eine neue Heimat suchen. Am Ende verlasse ich nachdenklich die Ausstellung. Ich habe gelernt: Zwischen „Es war einmal“ und „Und wenn sie nicht gestorben sind“ verbergen sich zahlreiche Spuren von Migration. Zeit, zu Hause mal das alte Märchenbuch hervorzuholen und noch mehr märchenhafte „Migrationgeschichten“ kennenzulernen.

Märchen und Migration im Deutschen Auswandererhaus
Die Leseausstellung „,Etwas Besseres als den Tod findest du überall.‘ Migration und Heimat in den Märchen der Brüder Grimm“ ist noch bis zum 31. Dezember 2019 im Deutschen Auswandererhaus zu sehen. Der Preis ist im Eintritt ins Deutsche Auswandererhaus enthalten. Die Ausstellung kann nicht separat besucht werden.