Märchenhaft – Thieles Garten

Ein Kleinod im Norden Bremerhavens: Thieles Garten. Davorstehend ist nicht zu erkennen, welch zauberhafter Garten sich hinter dem Eingang befindet. So läuft manch einer vielleicht unbewusst vorbei. Das ist schade! Gleich hinter dem Tor werde ich von üppigen Grün umgeben. Hier, in Thieles Garten, gibt es eine ganz besondere Atmosphäre. Sofort bleibt der Alltag hinter der Pforte. Ich tauche ein in eine märchenhafte Welt. Es scheint, als wenn die Luft hier reiner, das Vogelgezwitscher schöner ist und die Zeit langsamer vergeht. Taucht mit mir ein in diese zauberhafte Welt. Und lasst uns ergründen, wie alles begann.

In der "Ruine" (c) Mailin Knoke
In der „Ruine“ in Thieles Garten (c) Mailin Knoke

Thieles, eine Schifferfamilie

Vater Thiele verdient als Frachtschiffer in Fedderwardersiel sein Geld. Als die Eisenbahnstrecke von Blexen nach Bremen fertig ist, gehen die Erträge zurück. Die Familie muss 1891 ihr Schiff verkaufen. Die Arbeitsplatzsuche verschlägt sie nach Bremerhaven.

Thieles lieben die Kunst

Die Familienmitglieder lieben seit jeher die Musik. Sohn Gustav erlernt in Bremerhaven das Geigenspielen. Sein Bruder Georg beginnt eine Fotolehre. Er weiht auch seinen Bruder Gustav in diese Kunst ein. Zusammen eröffnen sie ein gut gehendes Fotogeschäft in der Hafenstraße.

Skulptur Ringer in Thieles Garten (c) Tanja Albert
Skulptur Ringer vor dem Wohnhaus in Thieles Garten (c) Tanja Albert

Thieles Garten: einst ein Kartoffelacker

Im Jahr 1923 kaufen sie ein 6.000 Quadratmeter großes Stück Land am Mecklenburger Weg. Sie betreiben Landwirtschaft, was jedoch misslingt. Gustav und Georg krempeln die Ärmel hoch. Nach und nach erschaffen sie auf dem brachliegenden Grundstück eine grüne Idylle. Sie legen Teiche, künstliche Ruinen, Grotten und Felsattrappen an. Mit Hilfe von Rasenflächen, Bäumen und Sträuchern formen sie eine grüne Oase.

Idyllischer Teich in Thieles Garten (c) Tanja Albert
Idyllischer Teich in Thieles Garten (c) Tanja Albert

Platz für versteckte Talente

Schon seit ihrer Kindheit schlummern verborgene Talente in ihnen. Jetzt haben sie die Möglichkeit, diese auszuleben. Georg widmet sich der Malerei. Gustav zieht es zum figürlichen Gestalten. Marmor und Bronze sind unerschwinglich. Doch davon lässt sich Gustav nicht entmutigen. Das Grundgerüst seiner Skulpturen formt er aus Draht und Eisenstäben. Ziegelbrocken und Mörtel sorgen für Struktur. Da die lebensgroßen Skulpturen im Freien stehen, muss eine witterungsbeständige Außenhaut her. Kurzerhand entwickelt Gustav selbst eine wetterfeste Zementmischung.

Frauenskulptur in Thieles Garten (c) Tanja Albert
Frauenskulptur am Wasserbecken in Thieles Garten (c) Tanja Albert

Vom Modell zur Liebe des Lebens

Eine Nachbarin, Grete Itzen, wird auf die jungen Männer und ihre Arbeiten aufmerksam. Sie bittet um Einweisung in die Fotografie, die ihr gewährt wird. Schnell entwickeln die drei eine Freundschaft. Grete wird außerdem zur Mitarbeiterin im Fotogeschäft. Und nicht nur das! Fortan steht sie den Brüdern Modell. 1929 kann das in Eigenarbeit errichtete Wohnhaus bezogen werden. Im gleichen Jahr geben sich Grete und Georg das Ja-Wort.

Skulptur in Thieles Garten (c) Tanja Albert
Skulptur mit küssendem Mädchen in Thieles Garten (c) Tanja Albert

Von Begeisterung bis Ablehnung

In ihrem zu Hause zeigen Thieles ihre Gemälde und Skulpturen Freunden und interessierten Besuchern. Nicht alle sind begeistert. Doch davon lassen sie sich nicht entmutigen. Als Autodidakten widmen sie sich ihren Ideen. Sie schaffen Werke, die ihren Vorstellungen entsprechen und ihnen gefallen. Jetzt bahnt sich auch Gretes Talent den Weg ans Licht. Als sie ihrem Mann beim Skizzieren hilft, tritt ihre Begabung als Malerin zu Tage. Sie besucht die Kunstschule. Ihre Leidenschaft sind Landschaften und Porträts. Die Arbeiten finden besonders bei den Amerikanern großen Anklang. Der Verkaufserlös ihrer Werke sichert ein Großteil des Einkommens der drei.

Skulptur in Thieles Garten (c) Tanja Albert
Wie aus einem Märchen entsprungen, die Skulptur in Thieles Garten (c) Tanja Albert

Stets eine offene Tür

Die kreativen Thieles leben und (er-)schaffen einen verwunschenen Garten auf ihrem Grundstück. Stets steht ihr Haus offen für Gäste und Besucher. Am Rand des Grundstücks errichten sie eine kleine Moorkate. Sie dient sowohl als Atelier als auch als Gästehaus. Die Einträge in ihrem Gästebuch haben eins gemeinsam: Alle bezeugen die herzliche Gastfreundschaft. Gäste aus aller Herren Länder sind voll des Lobes. Sogar Bremens ehemaliger Senatspräsident Kaisen war hier. Aber auch die Filmwelt ging ein und aus. 1958 war Olivia de Havillands hier. Die Schauspielerin wurde als Melanie im Film „Vom Winde verweht“ berühmt.

Moorkate (c) Tanja Albert
Nachbau einer Moorkate (c) Tanja Albert

Thieles Garten wächst Stück für Stück

Erlöse vom Verkauf von Skulpturen und Bildern werden überlegt zum Ausbau von Haus und Garten verwendet. Auch das Erschaffen von größeren Figuren muss warten, bis Mittel vorhanden sind. Eine davon ist beispielsweise der Brunnen mit den drei Jungs. Für dieses Ensemble stehen Kinder aus der Nachbarschaft Modell.

Brunnen in Thieles Garten (c) Tanja Albert
Brunnen mit spielenden Jungs in Thieles Garten (c) Tanja Albert

Thieles Garten – eine grüne Oase

Nicht nur die Skulpturen sind außergewöhnlich und einzigartig. Auch die Bepflanzung wird sorgfältig von den drei Thieles gewählt. Rosskastanie, Taubenbaum, kaukasischer Flügelnuss sind hier ebenso zu Hause wie Walnussbaum und Schildblatt. In diesem Idyll fühlen sich nicht nur die Besucher wohl, sondern auch zahlreiche Vogelarten. Von der Ente bis zum Gartenrotschwanz ist hier vieles Einheimische vertreten. In den Teichen tummeln sich Kröten, Molche und Frösche.

Thieles Garten (c) Tanja Albert
Grün vor, hinter, neben mir in Thieles Garten (c) Tanja Albert

Ein Förderer für Thieles Garten

Heinrich Kistner, ein Bewunderer der Thieleschen Kunst, kauft 1952 das Grundstück. Er erweitert es auf 19.000 Quadratmeter. Den Künstlern lässt er eine Leibrente zukommen. Diese ermöglicht es den Dreien, sich ohne Not ihrem Schaffen widmen zu können. Kistner fördert die Künstler seit Jahren. 1957 kann er als Besitzer einer Baufirma die Gestaltung Thieles Garten mit Maschinen und Baufahrzeugen unterstützen.

Thieles Garten droht der Verfall

Nach dem Tod der Brüder Thiele 1968 und 1969 droht der Park zu zerfallen. Neben dem Verwahrlosen werden die Skulpturen teilweise mutwillig zerstört. Grete allein kann dies alles nicht aufhalten. 1986 endlich gründet sich der Förderverein Thieles Garten. Gemeinsam mit dem Gartenbauamt Bremerhaven nehmen sie den Wiederaufbau in Angriff. Es gelingt sogar, eine komplett zerstörte Skulptur vom tanzenden Mädchenpaar zu ersetzen. So „tanzen“ sie auch heute noch im romantisch anmutenden Tempelhof.

Tanzende Frauenskulptur (c) Tanja Albert
Tanzende Frauenskulpturen in Thieles Garten (c) Tanja Albert

Eintauchen, in die Märchenwelt

Möchtet Ihr nun auch einmal dem Alltag entfliehen? Dann taucht ein und lasst Euch in Thieles Garten verzaubern. Von März bis Dezember hat er dienstags bis sonntags ab 10 Uhr geöffnet. Er schließt bei Sonnenuntergang beziehungsweise in den Sommermonaten um 20 Uhr. Der Eintritt ist kostenfrei.

Ich in Thieles Garten (c) Mailin Knoke
Thieles Garten lässt mich in eine andere Welt eintauchen (c) Mailin Knoke

Weitere Eindrücke von Thieles Garten seht Ihr in diesem Video:

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https://youtu.be/wcNZW5DxJ6A