Das Haus der Jugend

Es gibt in Bremerhaven ein Haus der Jugend. Hier sind die Jugendverbände, -vereine und -organisationen willkommen und zuhause. In diesem Beitrag lest ihr, was diesen Ort für so viele junge Menschen in dieser Stadt so wichtig macht und warum das Konzept so einfach wie großartig ist.

Als ich im Oktober 2018 zum ersten Mal zum Haus der Jugend in die Rheinstraße 109 radele, habe ich den frisch gebackenen Jugendkulturfonds Cash for Culture im Rucksack, um diesen Fördertopf für junge Menschen zwischen 14 und 23 Jahren direkt dorthin zu bringen, wo er hingehört.

Mich empfängt ein großes einstöckiges Gebäude, welches nicht mal versucht sein Baujahr zu verstecken, sondern sich im 60er-Jahre-Style l-förmig um eine große Wiese chillt. Es sieht hier unglaublich entspannt aus und innen gehts so weiter. Ich finde verschiedene Büro-, Gruppen- und Themenräume, einen großen Saal mit Bühne und eine gemütliche Küche mit Platz für große Gruppen. Hier gibt es wirklich Raum -nein, viele Räume: Fürs Spielen und Diskutieren, fürs Lernen, Kochen und Schnacken, zum Musizieren, Rumalbern, Abhängen, aber auch zum Ideen spinnen, Pläne schmieden, Aktionen planen, für Workshops und Vereinsarbeit.

Das Haus der Jugend von vorne
Nach einer Streichaktion setz das Haus der Jugend nun noch deutlicher ein Statement für Vielfalt. (c) S. Schäfer

Zahlen, Daten, Fakten

Wahrscheinlich war jede Person, die in Bremerhaven jugendlich ist und war, mindestens schon einmal dort. Ich mit meiner Ruhrgebietskindheit musste allerdings erst Anfang 30 werden – trotzdem fühl ich mich nicht komisch dort oder zu alt. Denn ganz unabhängig von Alter, Religion oder „Branche“ steht das Haus der Jugend für Diversität, Aktion und Teilhabe.

Das Jugendrotkreuz, die Falken Bremerhaven, der Havenkids e.V., die Jugendfeuerwehr, konfessionelle Jugendgruppen, der Chor der Glademakers, verschiedene Pfadfinderstämme, die THW Jugend oder die Sportlerjugend sind nur einige Beispiele, der Vereine und Verbände, die das Haus „bewohnen“. Manchmal brummt das ganze Haus wie ein Bienenstock, manchmal ist es groß, leise und leer.

Der Stadtjugendring e.V. ist aber immer hier und managet das Haus. Der Verein ist im letzten Jahr 70 Jahre alt geworden. Ich treffe Sara Appelhagen, die seit 2016 beim Stadtjugendring als Jugendbildungsreferentin beschäftigt ist. Im Büro des Stadtjugendrings gibt es zusätzlich zu ihr noch eine zweite feste (Verwaltungs-)Stelle. Darüber hinaus sind auch die Falken Bremerhaven dauerhaft mit einer Jugendbildungsreferentin im Haus vertreten. Beide Vereine bieten auch jeweils noch einen Platz für eine Bundesfreiwilligendienst an.

Ein Banner, auf dem "Mehr Menschenrechte als rechte Menschen" zu lesen ist
Mit selbstgestalteten Bannern zeigen die Menschen aus dem Haus der Jugend auch auf Demos Gesicht. (c) Stadtjugenring Bremerhaven

Haus der Jugend – ziemlich cool

Sara erzählt mir, welche Besonderheit es mit dem Haus der Jugend auf sich hat: die Infrastruktur vom Haus der Jugend wird komplett mit städtischen Mitteln finanziert. Der Stadt ist es wichtig, dass es einen Ort für die Jugendverbände und damit für die jungen Menschen Bremerhavens gibt. Dieses Konzept gibt es nicht in jeder Stadt und ich finde es wirklich ziemlich cool. Das Geld wird außerdem direkt im Haus verwaltet, wodurch auch schnelle, hausinterne Entscheidungen möglich sind.

Wenn eine Gruppe/ein Verband Räume im Haus der Jugend nutzen möchte, dann stellen sie sich beim Vorstand des Stadtjugendrings e.V vor. Der Vorstand entscheiden dann, ob die Raumnutzung möglich ist. Klingt einfach, ist es auch!

Natürlich gibt es allgemeine Hausregeln, an die sich alle Menschen, die das Haus besuchen und nutzen halten müssen, denn sonst ist ein Arbeiten mit so vielen unterschiedlichen Gruppen und Menschen ja kaum denkbar. Ansonsten ist die Arbeit im Haus der Jugend aber sehr frei.

United we stand

Das Haus der Jugend bietet neben den Räumen für die Jugendverbände auch Platz für selbstorganisierte Jugendarbeit. So sind mit der Jugendkonferenz (JuKo), dem Team des Jugendkalenders (JUKA), dem Stadtschülerring, dem Jugendklimarat, der Fridays for Future- Bewegung, und der queeren Jugendgruppe Prism nur einige selbstorganisierte Jugendgruppen genannt. Außerdem gibt es natürlich Projekte und Aktionen: Im letzten Jahr gab es einen Pop-Up Store Solidarity und Bildungswerkstätten oder die Ausbildung zum*r Jugendleiter*in. Der Saal wird regelmäßig zur Konzertbühne der Bremerhavener Musikszene, es gibt Planspiele (Europaplanspiel), eine queere Post-CSD-Party im Beet, Workshops, Ferienprogramme und noch so viel mehr.

Ob es ums Klima und um Selbsterfahrung geht oder politisch wird, Veranstaltungen organisiert und Partys geplant werden, die Themen sind immer begleitet von einer klaren Haltung gegen Rassismus, Sexisimus und Diskriminierung jeder Art. Diversität, bunte Vielfalt und der Mut zum lauten, kritischen Nachfragen leben in vielen Projekten und grundsätzlich in der Idee vom Haus der Jugend.

Einmal im Jahr findet übrigens auch das „united we stand„-Festival statt. Das seit 2017 stattfindende Afrikafestival nutzt die große Wiese vor dem Haus der Jugend.

„Das was die Arbeit hier jeden Tag aufs Neue toll macht, ist zu sehen, wie viele Jugendliche sich ehrenamtlich engagieren, Ideen entwickeln und umsetzen. Gleichzeitig ist es sehr schön zu sehen, wie gut die verschiedenen Verbände, die hier ansässig sind, zusammen und nicht gegeneinander arbeiten. Hier im Haus wird Demokratie in ihrer Rohform – und in einem vernünftigen Tempo – gelebt.“

Sara Appelhagen über ihre Arbeit im Haus der Jugend

1000 Guerilla – Gummienten

Wie so eine Aktion dann aussehen kann, hat mir unsere BFD-lerin Swantje Schäfer mal aus 1. Hand berichtet.

viele blaue Badeenten
Frisch angekommen liegen 600 Plastikenten auf dem Tisch im Bastelraum (c) S. Schäfer

Aus der Jugendkonferenz kam der Wunsch nach einem Jugendkalender. Der Kalender soll für junge Menschen in dieser Stadt Veranstaltungen und Orte zeigen, die Szenen verbinden und als Tool der „Hier passiert ja nie was“-Meinung entgegen wirken. Den Kalender findet ihr hier.

Swantje erzählt: „Wir saßen zusammen und haben darüber geschnackt, wie wir die Idee um den Kalender weitertragen und verbreiten. Die erste Überlegung war, Tannenbaumkugeln bedrucken zu lassen, aber letztlich war das doch nicht so gut und sehr aufwendig. Dann ist Sara plötzlich aufgestanden, hat die Hände auf dem Tisch abgestützt und gesagt: „Ey Leute, lasst doch einfach mal 1000 Gummienten bestellen!“.

Wir haben dann zwar nicht 1000 aber immerhin 600 blaue Badeenten bestellt und dann gings erst los: Jeder Ente haben wir ne Zahl auf den Hintern gemalt und ne Schleife dem QR-Code zum Jugendkalender umgebunden. Weil das dann noch nicht genug war, haben wir uns für jede Ente einen Vornamen ausgedacht – also haben wir uns sechshundert Namen ausgedacht – und ehrlich: später gegoogelt, als uns keine mehr eingefallen sind.

Freitagsnachts sind wir dann zu sechst – immer in Zweierteams- losgefahren und haben die Enten überall in der Stadt ausgesetzt. Die sollten einfach plötzlich da sein – im wahrsten Sinne: über Nacht. Nachts, nach der Aktion so um Mitternacht gabs dann Pizza im Haus der Jugend.

Ein paar Enten haben wir behalten, die durften dann öffentlich am Samstag im Brunnen vor der großen Kirche baden gehen.

Die Leute, die die Enten gefunden haben, konnten die mitnehmen und dann auf der Seite vom JuKa gucken, wie ihre Ente heißt. Zack, Plan erfüllt und viele Menschen auf den Jugendkalender aufmerksam gemacht. Die Leute fanden die Enten super und den Jugendkalender cool.“

Feministische Woche

In diesem Jahr musste natürlich auch im Haus der Jugend umgedacht werden. Schon das „united we stand“- Festival hat sich ein Coronamützchen aufgesetzt und mit Hygienekonzept und Abstand stattgefunden. Nun aber trauen sich Sara Appelhagen und viele Mitstreiter*innen an ein großes und wichtiges Thema. Vom 31. Oktober bis zum 8. November findet eine Feministische Woche unter dem Thema „ Ich boxe, ich trotze – Sexismus, ich kotze!“ statt.

Flyer und Plakate der Feministischen Woche mit dem Aufdruck "Ich boxe, ich trotze, sexismus ich kotze"
Zusammen mit den Flyern der feministischen Woche bekommt jede*r Interessierte eine Sexismuskotztüte für den täglichen Bedarf (c) S. Schäfer

Die Idee bzw. der Wunsch eine Feministische Woche zu planen, steht schon lange im Raum. Innerhalb der Jugendverbände war Sexismus, vor allem Sexismus in Schulzusammenhängen, oft Thema. Erst war nur ein Vortrag zum Thema Sexismus und Feminismus geplant. Als dann aber immer mehr Frauen* Interesse zeigten, wurde schnell klar, dass es mehr als eine einzelne Abendveranstaltung werden muss. Jetzt, nach ungefähr einem Jahr Planung, steht das Konzept der Feministischen Woche fest: Frauen* aller Altersgruppen können an verschiedenen Workshops, Vorträgen und Aktivitäten teilnehmen. Auf dem Programm stehen Vorträge, Filmabende, Workshops und noch so einiges. Alle Veranstaltungen sind unter Coronavoraussetzungen geplant und für jede*n kostenlos besuchbar (um Anmeldung wird jedoch wegen Miss Corona gebeten).

Wenn ihr also mal sehen wollt, wie aktiv die Bremerhavener Jugend so ist, dann schaut doch mal in dem Gebäude mit den Regenbogensäulen an der Rheinstr. 109 vorbei. Zum Beispiel zur Feministischen Woche vom 31.Oktober – 8. November 2020: Den Flyer und mehr Infos findet ihr hier. Das Programm ist vielfältig und kostenlos und nicht nur für Menschen unter 20 interessant. Ganz sicher!

Bunte Grüße und Dank für Bilder und Recherche zu diesem Beitrag gehen raus an Swantje Schäfer.