Gespräch mit Klimahaus-Ausstellungsmitarbeiter

Gespräch mit Klimahaus-Ausstellungsmitarbeiter Patrick oder: Ein entglittener Interviewversuch…

Ich treffe Patrick, Ausstellungsmitarbeiter im Klimahaus Bremerhaven 8° Ost.

Auf ein Interview. Das ist der Plan.

Wir schlendern durch die Reise entlang des achten Längengrads. Beim Schlendern wird es nicht bleiben. Das weiß ich aber jetzt noch nicht. An einer Kuh bleiben wir stehen.

Neulich in der Schweiz: Kuhpups inklusive.

Ob er mir ein Interview geben möchte, will ich wissen.

„Nein, ich rede nicht gerne“, antwortet er kurz. Noch.

Ich entgegne:

Nur ein paar …

Er überlegt kurz:

„Na gut, das ist nur teilweise richtig. Als Ausstellungsmitarbeiter im Klimahaus Bremerhaven rede ich, hm, eigentlich dauernd, den ganzen Tag.

Neulich habe ich nichts ahnende Kunden im Supermarkt angesprochen, ob ich Ihnen helfen könne.

Und mich selbst erschrocken. Die standen aber auch so fragend da!? Ich glaube, das ist beruflich bedingt. Ich kann gar nicht mehr anders. Seit acht Jahren arbeite ich in der Ausstellung im Klimahaus. Und das total gerne, denn es macht Spaß.

Ich begleite Besuchergruppen durch die Reise entlang des achten Längengrads, einmal um die Welt. Ich erkläre die Flusslandschaft in Kamerun oder führe durch den feinen Sandstrand Samoas. Ich gehe auf die Menschen zu und informiere zu Landschaften, Tieren oder Pflanzen.“

Ich frage noch :

Was ist denn das …?

„Also das Schönste an meiner Arbeit im Besucherservice ist, dass ich im Hintergrund agieren kann“, sagt er.

Ich:

Im Hinter…?

Kollege Patrick überzeugt mit voller Inbrunst: „Im Hintergrund, ja. Ich ergänze ja nur die Ausstellung und gebe Hintergrundwissen, wenn gewünscht.  Und man muss zuhören können! Und wissen, wann man Pausen macht und die Exponate oder die Tiere wirken lässt. Das muss man können. Da kann man nicht die ganze Zeit quatschen!?

Ich überreiße kurz meinen bisherigen Redeanteil und höre mich fragen:

Ähm, wie bitte …?

Er: „Ja  genau! Auf die Besucher eingehen können. Wenn diese das wollen. Das ist die Kunst.“

Ich:

Und wie machst …?

Er: „Zum Beispiel, indem ich die Besucher nicht unterbreche. Wenn sie mal von sich erzählen.“

Aha.

Ok. Ganz ruhig. Ich bin kein Besucher. Nur ein Kollege. Fragen stellen wäre aber schon ganz schön…

Also setze ich ganz mutig wieder an: „Ich wüsste gerne …“.

Er: „Z. B. bei Gruppenführungen. Da berichten die Gruppen gerne mal von ihrer Motivation, ins Klimahaus zu kommen. Das interessiert mich. Da erfahre ich viel von den Gästen. Das sind oft Firmen, die sich für themenverwandte Inhalte interessieren. Das finde ich spannend. Oder Vereine der unterschiedlichsten Herkunft. Auch diese haben ihre Erfahrungen und Sicht der Dinge auf Klimaschutz, Technik, oder Nachhaltigkeitsthemen. Da kommt ja so viel zurück!“

Ich gehe jetzt aufs Ganze:

Darf ich mal etwas fragen?

Er: „Das machst Du doch schon die ganze Zeit?! Wir müssen weiter…“

Ich:

Äh, eigentlich sollte das ja ein Interview werden und …?

Wir sind mittlerweile in Kamerun. Und ich so richtig mittendrin: Mein Fuß steckt in der Flusslandschaft. Abgerutscht.

Pressereferent mit nasser Socke in Kamerun

 „Na gut!“, entgegnet er großzügig – und geht weiter.

Wir sind gleich in der Antarktis und Patrick wird noch schneller. Seine nächste Gruppe ist gleich dran. Ich weiß genau, was er denkt!  „Ganz schön langsam zu Fuß, diese Presseleute.“  Ich komme ja auch nicht soweit rum! Ganz sicher aber denkt er irgendwas mit „Schreibtischtäter“.

Immer weiter: Klimahaus-Ausstellungsmitarbeiter Patrick Stroh ist nicht zu stoppen

Jetzt bricht es aus mir heraus:

Was für Fachwissen gibst Du denn den Besuchern preis? Kannst Du mal ein Beispiel geben?

(Ich stelle eine ganze Frage. Und ich ahne jetzt schon: Er wird dem Einhalt gebieten.)

Er: „Also das Spektrum reicht von ernsten Themen bis zu lustigen.  Bleiben wir mal in der Schweiz. Da erkläre ich z. B. den Albedo-Effekt. Es geht dabei um den Einfluss, den weiße Flächen wie die Arktis oder Gletscher als Reflektoren auf unserem Planeten haben. Durch die permanente Gletscher- und Polschmelze nimmt der Albedowert ab, weniger Sonnenenergie in Form von Licht wird ins All zurückreflektiert und als Folge wird es auf der Erde noch wärmer.

Oder wenn wir im Regenwald sind, erläutere ich, dass über neunzig Prozent der Tier- und Pflanzenarten dort leben und sich die Fläche in den letzten fünfzig  Jahren halbiert hat.

Da ist aber auch z. B. die Sache mit dem Kuhpups. Vielleicht hast Du vorhin in der Schweiz beim Kühemelken davon Notiz genommen.“

Ich:

Der Kuhpups. Ja. Ganz sicher!  Und meine Nase erst…

Souverän erklärt Patrick: „Das ist Teil unseres multisensorischen Ansatzes. Sehen, Tasten, Riechen. Das alles gehört dazu. Das kennt Ihr wohl aus Eurem Büroalltag nicht so…?

Ich so:

Nicht von einer Kuh…

Er: „Ist ja auch egal. Neben der Reise arbeite ich aber auch noch in den anderen Ausstellungen des Hauses, den Perspektiven oder dem Wetterstudio.

Ich gebe nicht auf:

Aha, und  dort …

Er: „Dort mache ich auch die Extremwetter-Show. Da berichte ich über Jahrhundertsturmfluten, die heute schon fast jährlich auftreten, mache mit den Besuchern ein spannendes Quiz zu Wetterrekorden und verkünde natürlich die Prognose für die nächsten Tage. Alles mit unseren Besuchern.  Man lernt ja viele Menschen in diesem Beruf kennen!“

Sehr beliebt: Wetter-Show im Klimahaus

Ich:

Ja genau. Wie nennt sich eigentlich …?

Patrick: „Wir sind Mitarbeiter im Besucherservice. Oder Ausstellungsmitarbeiter. Ganz wie Du willst. Und unsere Arbeit ist total vielfältig. Unsere Ausstellung ist auch offen für  Menschen mit Behinderungen. Da helfen wir natürlich auch das ein oder andere Mal. Dafür sind wir ja da. Besonders schön ist es auch, mit Familien und Kindern zu arbeiten, die hören richtig gerne zu.“

Ich starre auf das Ewige Eis:

Passiert denn auch mal …?

Er: „Und ständig passiert etwas unvorhergesehenes oder etwas lustiges. Es kommt schon mal vor, dass in der Flusslandschaft aus unseren Besuchern unbeabsichtigt Badegäste werden.“

Ich kann kaum glauben, was ich da höre …

„Es soll dann ja niemand mit nassen Klamotten die Reise fortsetzen. Also helfen wir mit Kleidung aus. Und das Beste: Auf Wunsch wird die eigene, nasse Kleidung im Trockner wieder „tragfähig“ gemacht und kann am Ende der Reise wieder angezogen werden.  Ist das nicht ein Service?“

Ich:

Unglaub… !

Er: „Ja, unglaublich, wie schnell die Zeit vergangen ist. Die nächste Gruppe wartet schon!“

Fast am Ende der Reise, auf Hallig Langeneß, fragt Patrick mit vollem Ernst: „Ist das mit dem Interview eigentlich noch geplant?“

Ich habe das Stadium der Resignation bereits hinter mir und mein nackter Fuß streichelt über das Gras auf der Hallig:

Och Du, sicher.  N anderes Mal viell …

„Na, Hauptsache, ich muss da nicht so viel reden“, ruft der Kollege mir noch hinterher.

Und lächelt. Seine Besuchergruppe wartet. Und für die hat er jetzt ja wieder viel Zeit …