Feierabend – Wenn im Zoo die Lichter ausgehen

Als ich heute in den Zoo komme, ist von einer Feierabendstimmung nichts zu spüren. Das Wetter ist hervorragend. Keine einzige Wolke ist am tiefblauen Himmel zu sehen. Es sind Herbstferien und die Besucher tummeln sich noch zahlreich vor den Tiergehegen.
Ich bin mit unseren Tierpflegern Carmen, Thomas und dem Auszubildenden Marcel verabredet. Die drei sind heute zum „Schließdienst“ eingeteilt und ich darf sie ausnahmsweise begleiten. Ich habe schon oft gehört, dass unsere Tierpfleger jeden Abend „Schließdienst“ machen. Aber was verbirgt sich eigentlich hinter diesem Schließdienst? Heute werde ich es endlich erfahren. Ein Erlebnis, das man nicht alle Tage hat. Ich bin sehr gespannt auf die völlig neuen Einblicke in die Arbeit unserer Tierpfleger.

Unpassendes Abendessen auf der Streichelwiese

Circa eine Stunde vor Zooschluss startet die Schließdienstrunde an der Streichelwiese. Hier leben unsere Serama-Zwerghühner und die Hauskaninchen. Von Natur aus lieben sie es, einen sicheren Unterschlupf für die Nacht aufzusuchen. Vor allem im Winter ist es hier trocken, frostfrei und damit sehr gemütlich für die Tiere. Carmen füttert die Zwerghühner im Innern der großen Wurzel, die eigentlich ein Stall ist und Marcel die Kaninchen in ihrem Kunstbau unterm Spielplatzschiff.

Carmen schließt die Tür zum Hühnerstall. [© Zoo am Meer Bremerhaven]

Als Marcel aus dem Kaninchenbau kommt schimpft er ordentlich. Er hat Chips gefunden! Chips sind sehr fettig, viel zu stark gewürzt und bestehen aus Getreide und Kartoffeln, die Stärke enthalten. Stärke wird im Magen der Kaninchen nicht richtig verdaut. Blähungen und starke Bauchschmerzen sind die Folge. Manche Kinder mögen es nur gut meinen und achten nicht unbedingt auf Hinweisschilder. Mich ärgert, dass die Eltern hier nicht besser aufpassen. Gut, dass die Tierpfleger regelmäßig bei der Streichelwiese vorbeischauen, um Schlimmeres zu verhindern.

Kaninchen können von Chips krank werden. [© Zoo am Meer Bremerhaven]

Affenstarke Wildtiere

Aufgeregt stehe ich vor der Tür, die zum Schimpansenstall führt. Die Tierpfleger machen mich darauf aufmerksam, dass die Schimpansen zu den besonders gefährlichen Wildtieren gehören. Sie können vor allem fremden Menschen gegenüber unberechenbar und sehr gefährlich werden. Im schlimmsten Fall können sie Menschen lebensgefährlich verletzen. Ihre geistigen Leistungen sind nicht zu unterschätzen. Sie ahmen menschliches Verhalten nach und nutzen „Werkzeuge“, wie z.B. Stöcker, zum Erreichen eines bestimmten Ziels. Die Fähigkeit zu logischem und strategischem Denken ermöglicht es ihnen, theoretisch auch Schlösser und Türen zu öffnen, wenn sie den Schlüssel hätten. Man muss also besondere Vorsicht walten lassen, bevor die Schimpansen in den Stall geholt werden. Wir werfen einen prüfenden Blick durch die Luke der Tür, um sicher zu gehen, dass sich kein Schimpanse im Schleusengang befindet. Anschließend wird geschaut, ob alle Schlösser und Riegel des Stalls doppelt verschlossen sind. Mir wird bewusst, wie verheerend Zeitdruck und Unachtsamkeit hier sein könnten. Nicht umsonst wird der Schließdienst bei diesen gefährlichen Tieren nach dem Vier-Augen-Prinzip, d.h. immer mit zwei Tierpflegern, durchgeführt.

In der Tür zum Schimpansenstall befindet sich eine Luke. [© Zoo am Meer Bremerhaven]

Abendliche Routine für die Affenbande

Die abendliche Fütterung im Stall ist eine wichtige Routine für die Schimpansen und läutet die Nachtruhe ein. Die Tiere warten schon ungeduldig vor dem zweifach gesicherten Schieber. Als Marcel ihn unter Aufsicht der Tierpfleger öffnet, stürmen sie lärmend in den Stall. Mein Puls geht in Sekundenschnelle nach oben als sie, im wahrsten Sinne des Wortes, wie eine wilde Affenbande durch den Stall jagen und sich auf ihr Futter stürzen. Ich bleibe dicht an Thomas Seite und achte darauf, nicht zu nah am Gitter zu stehen. Mein Respekt ist groß. Immerhin könnten die Schimpansen mit Stöcken durch das Gitter piksen oder an den Haaren ziehen. Lizzy hat Respekt vor den anderen Schimpansen. Die schmale, kleine Schimpansendame hat sich vorne zu uns ans Gitter gesetzt. Lizzy ist das rangniedrigste Tier und traut sich häufig nicht zu den anderen ans Futter. Damit sie trotzdem ihre volle Portion abbekommt, haben die Tierpfleger einen extra Eimer Futter für sie dabei und füttern sie nun durchs Gitter.

Ein ruhiger Schlafplatz

In freier Wildbahn schlafen Schimpansen in selbst gebauten Nestern auf Bäumen oder am Boden. Bei uns im Zoo können sie wählen, ob sie es sich auf der Innenanlage in den Hängematten, auf den Aussichtsplätzen, in einer der Nischen oder im Stall gemütlich machen. Damit die Innenanlage nicht auskühlt hat Carmen zwischenzeitig den Schieber zur Außenanlage geschlossen. Der Schieber zwischen Innenanlage und Stall bleibt die ganze Nacht offen. Wichtig ist, dass die Schimpansen auch nachts die Möglichkeit haben selbst zu wählen zu welchem Sozialpartner sie Nähe suchen und zu welchem sie lieber auf Distanz gehen. Die Einzelräume des Stalls, die gerne als Rückzugsmöglichkeit genutzt werden, sind daher als Rundlauf miteinander verbunden. So können sie sich jederzeit ungehindert aus dem Weg gehen. Das Licht im Stall wird automatisch um 19.00 Uhr gelöscht. Die Schimpansen wissen, dass nun Schlafenszeit ist.

Kuschelige Rückzugsmöglichkeit für die Pumakatzen

Genau wie die Schimpansen werden auch unsere drei Puma-Damen allabendlich in den Stall geholt. Im Gegensatz zu ihnen, leben Pumas nicht in sozialen Familienverbänden, sondern sind typische Einzelgänger. Sie halten sich zeitweise gerne in kleineren Gruppen auf, jedoch sind Rückzugsmöglichkeiten für ihr Wohlbefinden unabdingbar. Unser Pumastall, wo jede Katze ihre eigene Schlafbox hat, ist solch eine wichtige Rückzugsmöglichkeit. Gleichzeitig bietet der Stall den Pumas Schutz vor ungünstigen Wetterverhältnissen. Sie sind zwar im Gegensatz zu unseren Schimpansen nicht kälteempfindlich, in Katzenmanier mögen sie es aber immer gerne trocken und warm. Am Außengehege der Pumas machen wir die drei Katzen Frieda, Nala und Ayla auf uns aufmerksam. Sie sollen wissen, dass wir nun den Stall betreten und ihr Abendessen wartet.

Puma auf dem Außengehege. [© Zoo am Meer Bremerhaven]

Fastentag für Nala und Ayla

Während Thomas und Marcel die Schieber betätigen, stehe ich mit Carmen am Fenster zwischen Stall und Außenanlage, von wo aus wir die Pumas beobachten. Noch ist kein Puma zu sehen, doch sobald der Schieber aufgeht kommt Frieda angeflitzt. Sie hat ihr Abendessen bereits erwartet und macht es sich nun im Stall gemütlich. Auch Nala kommt angetrottet, wirft einen Blick in den Stall, dreht dann jedoch abrupt um und ist sofort wieder auf der Anlage. Ich bin überrascht, dass die Pumadame so zögerlich ist und frage mich, ob es ihr vielleicht nicht geheuer ist, dass ich mich heute als „Fremdling“ im Stall befinde. Thomas beruhigt mich. Es liege nicht an mir. Für Nala ist es ein Spiel, das sie gerne mal mit den Tierpflegern spielt. Die spielen jedoch nicht mit. Der Schieber bleibt, nachdem Nala auch nach dem dritten Versuch noch auf der Anlage ist, konsequent zu. Auch Ayla, von der weit und breit nichts zu sehen war, wird die Nacht auf der Anlage verbringen. Sicherlich machen sie es sich nun auf einem Felsen in der warmen Abendsonne gemütlich. Auf ihr Abendessen verzichten sie freiwillig. In der Natur machen die Tiere auch nicht täglich Beute. Ein Fastentag kann da also nicht schaden.

Durchs Fenster beobachten wir, ob die Pumas in den Stall kommen. [© Zoo am Meer Bremerhaven]

Letzte Kontrollrunde vor Feierabend

Mittlerweile ist es sehr ruhig geworden im Zoo. Die Sonne steht tief und taucht ihn in ein wunderbares gold-gelbes Abendlicht. Der letzte Kontrollgang steht an.

Letzte Kontrollrunde mit Carmen. [© Zoo am Meer Bremerhaven]

Wir teilen uns auf und gehen alle Wege ab, um sicherzugehen, dass alle Besucher draußen sind. Marcel übernimmt die Kontrolle des Aquariums und der Toiletten, Thomas flitzt die Terrassen über dem Bistro hinauf und ich folge Carmen den Hauptweg am Eisbärengehege entlang. Wir verriegeln das Drehkreuz am Ausgang und sichern es mit einer Matte gegen das ungewollte Eindringen von Wildkaninchen.
Für die Tierpfleger folgt nun die wohlverdiente heiße Dusche, dann werden auch hinter den Kulissen die Lichter gelöscht und es heißt endlich „Feierabend“.

Das Drehkreuz wird verriegelt und gesichert. [© Zoo am Meer Bremerhaven]