Endlich ein Wassertaxi für Bremerhaven

„Kapitän nimm mich mit auf die Reise…“. Dieses alte Volkslied ging mir vor wenigen Tagen durch den Kopf, als ich von Kapitän Christian Schwan mit einer festen Handbewegung an Bord seines Schiffes geleitet wurde. Obwohl, Schiff ist wohl etwas zu viel gesagt: Er navigiert ein Boot, genauer: ein Börteboot. „Lottjen“ steht in schön geschwungener Schrift am Bug des weißen Holzbootes, das nun elf Passagiere und mich vom Neuen Hafen über die Weser zum Schaufenster Fischereihafen fährt. Denn „Lottjen“ ist die neueste Attraktion Bremerhavens: ein Wassertaxi.

Stolze Besitzer des historischen Börtebootes "Lottjen" (c) Tanja Mehl_Erlebnis Bremerhaven GmbH

Stolze Besitzer des historischen Börtebootes „Lottjen“ (c) Tanja Mehl_Erlebnis Bremerhaven GmbH

Was ihr vielleicht von Helgoland kennt, das könnt ihr nun auch in Bremerhaven erleben. Pünktlich zur Fischparty am 27. und 28. April 2019 nimmt „Lottjen“ ihren Dienst auf und fährt dann immer am Wochenende von A nach B und wieder zurück. Das Wassertaxi verbindet damit zwei Tourismusareale, in denen einerseits viele Veranstaltungen und andererseits spannende Attraktionen zu besuchen sind. Darauf haben wir Bremerhavener ebenso gewartet, wie viele, viele Gäste unserer Stadt. Ein neuer Dienst von BremerhavenBus macht die Tour über das Wasser noch attraktiver: Mit der gerade gestarteten Buslinie „HafenLiner“ (HL) geht es auf der Straße auf dem kürzesten Weg auch wieder zurück.

Knapp über der Wasserkante ist der Blick auf Klimahaus und ATLANTIC Hotel Sail City besonders attraktiv

Wir starten im Neuen Hafen. An Bord der Premierenfahrt von „Lottjen“ sind Journalisten von Print, Hörfunk und TV lokaler Medien. Zunächst suchen wir uns alle selber einen angenehmen Platz am Außenrand, doch schnell greift der Kapitän ein. Um Schlagseite zu vermeiden werden wir je nach Gewichtsklasse gleichmäßig dirigiert. Erstes Gelächter ist zu hören. Ja, die Seefahrt ist eher rau, das muss man mögen.

Schleuse Neuer Hafen

Höhenunterschiede zwischen Weser und Neuer Hafen überwindet das Börteboot in der Schleuse. (c) Tanja Mehl

Erstes Ziel ist die Schleuse Neuer Hafen – im Volksmund auch „Sportbootschleuse“ genannt. Die im Juli 2005 eingeweihte Schleuse zwischen Weser und Neuer Hafen ist 50 Meter lang und 14 Meter breit und damit aus unserer Perspektive ziemlich wuchtig. Rund 6000 Mal jährlich öffnen sich die gewaltigen Tore für Sportboote, Yachten und gewerblich betriebene Schiffe. Und nun also auch für uns. Jedenfalls die eine Seite. Da zum Zeitpunkt unserer Fahrt auf der Weser Ebbe herrscht, haben wir ein Diskrepanz von drei Metern zu überwinden. Das dauert nicht lange, wie wir feststellen und schauen gespannt auf das Außentor zur Weser, das sich schon kurze Zeit später öffnet. Den sogenannten Tidenhub haben wir überwunden.
Wir sind gerade das einzige Wasserfahrzeug, aber in der Saison kann es gut sein, dass sich Börteboot und Yachten die Schleusenkammer teilen.

Blick zurück auf die Zufahrt zur Schleuse und auf das Windsemaphor. Hier werden die Windstärken und -richtungen von Borkum und Helgoland angezeigt. (c) Tanja Mehl

Wir nehmen Fahrt auf und während ich noch grübele, ob es holprig wird, wenn wir das unruhig aussehende Weserwasser erreichen, sind wir schon drin. Völlig entspannt liegt das 2,5 Meter breite Börteboot im Wasser und düst mir uns in Ufernähe am Deich entlang. „Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön…“ klingt es in meinem Kopf und ich halte meine rote Kappe fest.

Blick vom Wasser auf den Deich

Die wasserseitige Perspektive auf den Deich, das ATLANTIC Hotel Sail City und das dahinter liegende Klimahaus sowie die Kuppel des Einkaufscenters fasziniert Küstenkinder und Landratten gleichermaßen. (c) Tanja Mehl

Ebbe heißt, dass das Wasser die Weser hinaus in Richtung Nordsee abläuft und Kapitän Christian Schwan erzählt uns, dass „Lottjen“ ganz schön zu kämpfen hat. Aber das Börteboot stampft mit rund 5,5 Knoten zuverlässig durch den Gegenstrom und wir fühlen uns alle sicher an Bord. Die Journalisten gehen ihrer Arbeit nach, stellen Fragen, machen Fotos und Filmaufnahmen.

Gleichmäßig am Decksrand verteilt, wird die Premierenfahrt mit Presse zu einem aktiven Erlebnis für alle. (c) Tanja Mehl

Gleichmäßig am Decksrand verteilt, wird die Premierenfahrt mit Presse zu einem aktiven Erlebnis für alle. (c) Tanja Mehl

Im Fahrtwind höre ich, wie die Geschichte des Bootes erzählt wird. So wurde die heutige 45 PS starke „Lottjen“ schon 1965 als „Perke“ mit 18 PS auf der für ihre Börteboote berühmten Werft Hatecke in Freiburg / Elbe erbaut. In ihrer über 50jährigen Geschichte hieß das Boot auch schon mal „Hummerkorb“ und lag sowohl in Warnemünde als auch auf Helgoland vor Anker. Vor drei Jahren haben Christian Schwan, Oliver Seibel und Adrian Welscher das Boot dann in die Hände bekommen. Fachmännisch renovierten sie unter anderem den Eichenrumpf von Planke zu Planke, was gar nicht so einfach ist. Denn einige Planken sind in Klinkerbauweise übereinander gelegt, andere in sogennanter „Krawelbauweise“ bündig angebracht. Wenn ihr mehr dazu wissen wollt – auf der Fahrt gibt es ausreichend Gelegenheit, die Experten zu befragen.

Christian Schwan lenkt im Hauptberuf die Weserfähre, fühlt sich aber auch im Börteboot sehr wohl. (c) Tanja Mehl

Die drei Männer teilen nicht nur die Verantwortung für „Lottjen“, sondern auch für den gleichnamigen Verein, der sich konkret die Aufgabe gegeben hat, „Lottjen“ zu erhalten. Ziel der aktuell 12 Mitglieder aus Bremerhaven und Umland, Hannover, Heidelberg und Helgoland ist es aber auch, mit dem Wassertaxi zur Heimatpflege durch den Erhalt und die Nutzung von Helgoländer Börtebooten allgemein beizutragen. Jede Fahrt stärkt also das Vereinsziel und dient einem guten Zweck.

Leuchttürme sind auch heute noch wichtige Schifffahrtszeichen. (c) Tanja Mehl

Leuchttürme sind auch heute noch wichtige Schifffahrtszeichen. (c) Tanja Mehl

Wir sind mittlerweile rund einen Kilometer entlang des Weserdeiches gefahren und vor uns erheben sich zwei farbige Türme. Links mit der roten Kappe der Molenturm auf der Nordmole und rechts in grün das Leuchtfeuer Geestemünde. Sie markieren die Mündung des Flusses Geeste in die Weser. Und in genau die fahren wir auch als nächstes hinein.

Wieder erwartet uns eine Schleuse, diesmal die sogenannte „Doppelschleuse“. Sie wurde 1921 bis 1925 erbaut und verbindet den Fischereihafen mit der Weser. Da zu der Zeit viele, viele Schiffe aus- und einfuhren, wurden gleich zwei parallele Kammern angelegt. Heute wird in der Regel nur eine zur Zeit genutzt. Da die rechte Kammer schon für uns geöffnet ist tuckern wir einfach weiter.

Mächtige Schleusenwände zu beiden Seiten beeindrucken auch erfahrene Küstenbewohner. (c) Tanja Mehl

Mächtige Schleusenwände zu beiden Seiten beeindrucken auch erfahrene Küstenbewohner. (c) Tanja Mehl

Einfahrt ins Schaufenster Fischereihafen, vorbei am Best Western Hotel rechts. (c) Tanja Mehl

Einfahrt ins Schaufenster Fischereihafen, vorbei am Best Western Hotel rechts. (c) Tanja Mehl

Oliver Seibel nutzt die Zeit, uns über die Schleuse aufzuklären. So wurde eine große und eine kleine Kammer von 100 beziehungsweise 95 Metern Länge angelegt. Schon die kleinere ist schon zwölf Meter breit, und seit ihrem Neubau in den 1990er Jahren sogar 106 Meter lang. Die Wände haben schon viel gesehen und ich wünschte, sie könnten sprechen. Stattdessen erklärt Oliver Seibel den Namen seines Bootes, der mitnichten ein Frauenname ist. Tatsächlich heißt „Lottjen“ in der Sprache der Helgoländer, die auch „Halunder“ genannt wird, einfach nur „Glückliche“. Ob der oder die ist den Inselbewohnern egal, das nehmen sie nicht so genau. Auf genau einen Menschen aber geht der Bootsname zurück, nämlich auf den Urgroßvater von Oliver Seibel. Denn der kannte seinen Urahn nur mit diesem Kosenamen.

Ausnahmsweise liegt die "Astarte" vor dem Comfort Hotel im Schaufenster Fischereihafen. Hinter ihr legt das Börteboot an. (c) Tanja Mehl

Ausnahmsweise liegt die „Astarte“ vor dem Comfort Hotel im Schaufenster Fischereihafen. Hinter ihr legt das Börteboot an. (c) Tanja Mehl

Zwei Schleusen, eine Weserfahrt und zwei Leuchttürme später sind wir nach rund 45 Minuten am Zielpunkt im Schaufenster Fischereihafen angekommen. Hier startet am Samstag, 27. April 2019 um 10 Uhr die erste Saison für das Börteboot als Wassertaxi. Stündlich geht es dann bis 18 Uhr abends in den Neuen Hafen und wieder zurück. Zunächst immer am Wochenende – aber wer weiß, vielleicht lässt sich das Angebot in den Ferien ja ausbauen. Die Journalisten jedenfalls waren begeistert und haben im Nachgang schöne Beiträge veröffentlicht. Ich wünsche den „Lottjen“-Männern und -Frauen viel, viel Erfolg und euch eine gute Fahrt, wenn ihr das Wassertaxi nutzt. Und natürlich „immer eine Handvoll Wasser unter’m Kiel“.

Ob Kapitän Christian Schwan oder Decksmann Chris sauer - man ist auf der "Lottjen" immer in guten Händen (c) Tanja Mehl

Ob Kapitän Christian Schwan oder Decksmann Adrian Welscher – man ist auf der „Lottjen“ immer in guten Händen (c) Tanja Mehl

Auf einen Blick
„Lottjen“ nimmt am 27. April 2019 zur Fischparty die Fahrt auf.
Abfahrt Schaufenster Fischereihafen um 10, 12, 14, 16 und 18 Uhr.
Abfahrt Neuer Hafen (zunächst an der Treppenanlage vor dem Dampfeisbrecher „Wal“) um 11, 13, 15 und 17 Uhr.
Tickets kosten für Erwachsene 7,50 Euro, für Kinder 5 Euro. Ein Hund darf nach Rücksprache mit dem Kapitän ebenfalls an Bord.
Ticketpreise gelten für die einfache Fahrt.
Wer mit dem „Hafenliner“ auf der Straße zurück will, der findet hier den Fahrplan.
Weitere Informationen auf der Website von Lottjen e.V.