Eine Scholle im Zoo am Meer auf dem OP-Tisch

Schollen mag ich sehr gerne. Am liebsten esse ich sie in einem der zahlreichen Restaurants des Fischereihafens. Bei nettem Ambiente, mit Zitrone mariniert, dazu ein paar Salzkartoffeln, frisches Gemüse und ein leckeres Gläschen Weißwein. Schon ist das Abendessen perfekt. Aber Schollen sind nicht nur lecker, sie sind auch überaus faszinierende Bewohner unserer Nordsee. Wer also einmal „über den Tellerrand“ blicken möchte, kann sie in einem Schaubecken des Nordsee-Aquariums bei uns im Zoo am Meer live beobachten. Neben anderen Plattfischarten leben im Nordsee-Aquarium drei Schollen. Heute sind jedoch nur zwei zu sehen. Eine Scholle schwimmt in einem geräumigen Quarantänebecken hinter den Kulissen. Sie hat Schwierigkeiten abzulaichen. Ihr Bauch ist dick und geschwollen. Gut, dass unser Tierarzt Bastian da ist. Er wird die Schollen-Dame behandeln und ihr beim Ablaichen helfen. Wie das funktioniert, sehe ich mir heute an.

Zuerst wird geangelt…

Die Untersuchung und Behandlung soll in der Tierarztpraxis im Zoo stattfinden. Doch wie wird die Scholle dorthin transportiert? „Trockene Füße“ oder besser gesagt „Trockene Flossen“ darf sie dabei nicht bekommen. Die Tierpfleger sind gut vorbereitet: Sie stehen am Quarantänebecken mit Kescher und einer mit Meerwasser gefüllte Wanne bereit. Gekonnt angelt sich Hubert die Scholle und entlässt sie in die Wanne. Die Wanne ist schwarz und Hubert deckt sie mit einer zweiten schwarzen Wanne ab. So ist es um die Scholle herum schön dunkel und ganz nach dem Motto „was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ wird so mögliche Aufregung während des Transports verhindert.

Die Scholle im Quarantänebecken (c) Antje Mewes

Platz da! – Patient Scholle unterwegs…

Die abgedeckte Wanne verhindert zusätzlich, dass Wasser beim Transport überschwappt. Das ist sinnvoll, denn nun muss alles sehr schnell gehen. Hubert stellt die Scholle auf einen Transportwagen und die Tierpfleger flitzen mit ihr den Arbeitsgang entlang Richtung Tierarztpraxis.

Transport der Scholle

Transport der Scholle zur Tierarztpraxis (c) Antje Mewes

Dort angekommen bin ich fast ein wenig aus der Puste. Jetzt kann es losgehen! Bastian nickt den Tierpflegern zu, die sich bereits Handschuhe angezogen haben. Pam hebt die Scholle mit einem geübten Griff auf den OP-Tisch. Ich denke an die Schlüpfrigkeit von Fischen und halte kurz den Atem an. Alles geht gut, die Scholle gleitet ihr nicht aus der Hand. Als Obertierpflegerin des Robbenreviers weiß Pam einfach am besten, wie man Fische an Land „im Griff hat“.

Einmal beatmen bitte!

Fische trocknen an Land sehr schnell aus. Um das zu verhindern ist der OP-Tisch mit einer Folie ausgelegt, die ausreichend befeuchtet ist. Für die bessere Griffigkeit liegt auf der Folie zusätzlich ein nasses Papiertuch. Es verhindert, dass die Scholle vom OP-Tisch rutscht.
Da die Kiemenatmung an Land nicht funktioniert, muss die Scholle beatmet werden. Aber wie beatmet man einen Fisch? Bastian steckt der Schollen-Dame einen Silikonschlauch ins Maul. Durch den Schlauch wird Meerwasser gespült, das nun über die Kiemen läuft. Aus dem Meerwasser kann sie nun während der Behandlung Sauerstoff filtern, ganz so, als würde sie unter Wasser atmen.

Vorbereitung für die Untersuchung und Behandlung

Bastian bereitet das Ultraschallgerät und Pam den OP-Tisch vor. (c) Antje Mewes

2D-Ultraschall – „Nichts zu sehen!“

Mit dem Ultraschallgerät untersucht Bastian den Bauch der Scholle. Er möchte vor der Behandlung sicher gehen, dass die Ursache des geschwollenen Bauchs tatsächlich der Laich ist. Bastian bestätigt, dass nichts zu sehen ist und gibt Pam das Zeichen mit dem Ausstreichen der Eier zu beginnen. Moment mal, Bastian! Es ist nichts zu sehen? Richtig, die Eier der Scholle sind winzig. Sie haben einen Durchmesser von nur circa ein bis zwei Millimeter. Viel zu klein, um sie im Ultraschall sehen zu können. Bastian klärt mich auf, dass er aber auch kein festes Gewebe sehen kann. Dieses hätte auf einen Tumor hingewiesen und natürlich eine andere Behandlung erfordert.

Ultraschalluntersuchung einer Scholle

Bastian untersucht die Scholle mit dem Ultraschall. (c) Antje Mewes

Ein Ei kommt selten allein

Behutsam streicht Pam die Eier aus der Scholle, indem sie vorsichtig mit ihrer Hand den Bauch entlang gleitet. Eine schleimige Masse, der Laich, entweicht aus dem Bauch der Scholle. Ich sehe genau hin und kann unglaublich viele winzige weiße Punkte erkennen. Bis zu 500.000 Eier kann eine Scholle tragen! Ich staune nicht schlecht. Normalerweise werden die Eier ins Freiwasser abgegeben. Nach einigen Wochen schlüpfen die Jungtiere, die zunächst eine bilateral-symmetrische Gestalt haben. Erst ein bis zwei Monate später wandert ein Auge auf die rechte Körperseite. Nach dieser Metamorphose leben Schollen als „Plattfische“ am Boden. Dabei können Plattfische, je nach Bodenuntergrund, eine andersfarbige Tarnung annehmen oder sich einfach komplett in den Meeresboden eingraben.
Ich sehe etwas wehmütig auf den Abfluss unterm OP-Tisch. Hier verschwindet nun ein Ei nach dem anderen. Gut, dass Hubert mich daran erinnert, dass die Eier nicht befruchtet sind.

Beatmung einer Scholle

Während Pam die Eier ausstreicht wird die Scholle beatmet. (c) Antje Mewes

Gute Besserung!

Nach der erfolgreichen Behandlung wird die Scholle wieder zurück zu ihrem Quarantänebecken transportiert. Hier wird sie noch ein paar Tage zur Beobachtung bleiben. Erst wenn Bastian sicher ist, dass sie alles gut überstanden hat, darf sie wieder zu den anderen Schollen ins Schaubecken des Nordsee-Aquariums. Bis dahin heißt es „gute Besserung“!

 

Gut zu wissen!
Die Schollenbeobachtung im Zoo am Meer ist möglich während der Öffnungszeiten:
April bis September: 09:00 – 19:00 Uhr
März und Oktober: 09:00 – 18:00 Uhr
November bis Februar: 09:00 – 16:30 Uhr
Meer Zoo am Meer
Zoo Bremerhaven, H.-H.-Meier-Straße, Bremerhaven-Nord, Bremerhaven, 27568, Deutschland Map