Ich stehe im Forschungsdepot und schaue auf eine Mini-Version der Quadrivium. Der elegante weiße Bug und der lateinische Taufname stehen in starkem Kontrast zu dem im Volksmund als Bananendampfer verspotteten Schiff.

Miniatur macht sich flott
Die Quadrivium fuhr ab 1952 als eines der ersten Kühlschiffe mit Früchten und verderblichen Waren aus Südamerika/Ecuador nach Hamburg. Ab 1958 mit an Bord: Uwe Schmidt. Ich will genauer wissen, wie die Zeit an Bord war, und lade den Wahl-Bremerhavener zu einem Wiedersehen mit seinem Arbeitsschiff ein. Ein Modell der Quadrivium steht im Forschungsdepot – es wird derzeit flott gemacht für den großen Auftritt.
Hello again
Als wir im Frühjahr alle Schiffsfans dazu aufriefen, für die ab 6. September geplante Sonderausstellung „Große Geschichten – Kleine Schiffe“ aus zwölf Schiffsmodellen fünf Favoriten zu wählen, ist für Schmidt sofort klar, welches Modell seine Stimme bekommt: „Ich will die Quadrivium wiedersehen, auf der ich einige Monate fuhr.“

Vom Matrosen zum „Bananenede“: Das harte Leben an Bord
Schmidt erzählt mir, wie er im Hamburger Hafen als Matrose anheuerte. Wie viele andere Teenager zu der Zeit, stand er Schlange im Hafen und hoffte auf eine Chance auf einen Traumjob an Bord. Schmidt hat Glück. Es geht auf See. Im Seefahrtsbuch steht „auf unbestimmte Zeit“ und „für die große Fahrt“. „Ich wurde zum ,Bananenede‘ ernannt und robbte täglich mit einem Schiffsoffizier über die Stauden, um Wärmenester aufzuspüren.“ Schmidts Augen leuchten, wenn er die Zeit auf der Quadrivium für mich lebendig werden lässt.

Bananen und blinde Passagiere
Die Stauden wurden bei 12,5 bis 13 Grad Celsius gekühlt, um eine frühzeitige Reifung zu verhindern. „Wenn Bananen reifen, entwickeln sie Wärme und stecken die umliegenden Früchte an. Angereifte Stauden mussten wir entnehmen und über Bord werfen.“ Ich merke schon: Zimperlich durfte der damals Zwanzigjährige nicht sein. Zwischen den Früchten lauerten – anfangs noch nicht erstarrt – Spinnen, Schlangen und anderes Getier.
Das große Krabbeln
„Zum Einfangen hatten wir einen großen Segeltuchsack und Streichholzschachteln dabei. Stülpte man die Schachtel über die Spinne, zog sie sofort die Beine ein. Dann schnell die Klappe zuschieben – diese Methode funktioniert auch an Land.“ Schmidt beherrscht die Bewegung noch ganz automatisiert und demonstriert mir geschickt und eindrucksvoll die Klappe-auf-und-zu-Mechanik.
Einmal gelernt…
Noch heute fängt er zu Hause ungebetene, mehrbeinige Gäste. Diese seien allerdings deutlich kleiner als die exotischen Spinnen. Erneut eine dramtische Demonstration: Schmidt spannt die Handfläche auf, um die Größe der Exemplare zu verdeutlichen, die zwischen den Bananen lauerten. Mir läuft ein Schauder über den Rücken. Als würde ich die Beine des einen oder anderen Exemplars spüren.
Schiff auf Sand gesetzt
Obwohl der Kapitän viele Schiffe kennt, bleibt die MS QUADRIVIUM für ihn ein besonderes. Uwe Schmidt malt die Reise nach Südamerika für mich in bunten Farben nach. „Ich erinnere mich, wie wir uns vor Guayaquil festfuhren. Der Lotse wollte Zigaretten kaufen und übergab seinem Junior das Steuer. Es kam, wie es kommen musste. Kurz darauf saßen wir auf Grund.“

Volle Kraft voraus – und zurück
80 Ecuadorianer anzuheuern war nicht das Problem – 80 Schaufeln zu besorgen schon. Als diese vorhanden waren, schaufelten die Arbeiter Kanäle beidseitig des Kiels. Beim nächsten Hochwasser fuhr der Kapitän abwechselnd die Manöver „Voll voraus“ und „Voll zurück“ – und setzte das Schiff damit wieder frei. Mit mehrtägiger Verspätung konnten schließlich die Bananen geladen werden – mittlerweile schon ziemlich gereift. Die Deckscrew hatte alle Hände voll zu tun, um die überreifen Früchte auszusortieren.
Auf dem Trockenen
Nach 16 Jahren auf See fällt es Schmidt leichter zu sagen, wo er nicht war: „Nach Ostasien bin ich nicht gekommen.“ Der dreifache Vater fand 1967 schließlich eine Anstellung an Land – das Meer aber blieb stets in Sichtweite. Von der Stauerei wechselte er später zu Krupp Atlas und übernahm die Zweigstelle Bremerhaven/Cuxhaven.

Fan mit Marke
Schmidt war Beisitzer im Seeamt, seine Meinung war bei Unfällen auf See gefragt. Er machte Probefahrten mit bis zu 300 Meter langen neuen Tankern und trug auch dazu bei, dass das Deutsche Schifffahrtsmuseum gegründet wurde. Als Kuratoriumsmitglied besitzt er den wohl ältesten Mitgliedsausweis – lebenslanger Eintritt inklusive – den er sicher und trocken im Portemonnaie aufbewahrt. Ich schaue mir das Exemplar lange an und staune.

Blick von der Brücke
Wir streifen gemeinsam durch die Ausstellung. Ein Muss ist ein Stopp auf der Schiffsbrücke. „Das Echolot und das Radargerät stammen von Krupp Atlas.“ Seinen eigenen Kindern riet er nicht aktiv zu einer Laufbahn auf See – und sie hielten sich daran. Nun folgt ihm jedoch die Enkelin: „Sie hat Schifffahrtskauffrau gelernt und ein Jahr auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet, bevor sie bald ein Studium ‚Shipping und Chartering‘ in Bremen beginnt.“
Wiedersehen mit der Quadrivium im Schifffahrtsmuseum
Ein Wiedersehen mit der Quadrivium in Miniatur wird es für Schmidt ab dem 5. September geben – dann wird die Sonderausstellung „Große Geschichten – Kleine Schiffe“ eröffnet. Die Öffentlichkeit kann sie ab dem 6. September in der Kogge-Halle im Deutschen Schifffahrtsmuseum anschauen.
