Du Niete! Von wegen!

Gemeinhin abwertend gemeint, hätte die Niete in der Tat eine wertschätzende Bedeutung verdient. Dinge, die mit Niete zusammengefügt wurden, gehen in der Regel eine lebenslange Verbindung ein. Das ist gerade im Schiffbau von elementärer Bedeutung. Doch die Arbeit der Nieter ein schwerer Beruf, der seinen Tribut fordert.

Keine Niete – Exzellenter Schiffbau in Bremerhaven

Bereits 1845 säumten fünf Werften die Ufer der Geeste, einem Nebenfluss der Weser. Beim Holzschiffbau angefangen, entwickelten sich die Werften mit der Zeit zu anerkannten Spezialisten im Reparaturbetrieb, Neubau und später auch im Eisenschiffbau. Klar, dass daraus eigene Berufe hervorgingen. Zimmermann, Segelmacher, Seiler, Kesselmaurer sind nur einige dieser Tätigkeiten. Ein weiterer ist der des Nieters.

Die "Welle" in Bremerhaven. Niete an Niete an der Bordwand (c) Tanja Albert
Zeuge traditionellen Schiffbaus, die „Welle“ in Bremerhaven (c) Tanja Albert

Eine lebenslange Verbindung

Bevor die Schweißtechnik Einzug in den Schiffbau hielt, wurden die wasserdichten Nähte der Schiffsaußenhaut genietet. Die waren nicht wieder zu lösen. Auf einen laufenden Meter wurden bei einem Eisbrecher über 20 Niets gebraucht. Es heißt übrigens der oder das Niet. Die Niete ist etwas, was bei einer Tombola aus dem Lostopf gezogen werden kann. Eine Nietkolonne bestand aus dem Nieter, der außen am Schiff arbeitete und drei weitere im Inneren. Der „Nietenkocher“ wärmte den Niet an der Esse vor. Der zweite Mann bracht mit Hilfe einer speziellen Schmiedezange den glühenden Niet auf dem schnellsten Weg vom Ofen zum vorbestimmten Nietloch. Der „Gegenhalter“ setzt ein 20 Kilogramm schweres Gegengewicht auf den Nietkopf, bevor von außen der Presslufthammer angesetzt wird.

Harte Knochenarbeit

Ich kann mir nicht vorstellen, stundenlang in gebückter Haltung, Hitze, im Akkord und mit schwerem Gerät durchzuhalten. Wenn ich nur eine Stunde lang immer wieder ein 20 Kilogramm schweres Gegengewicht heben und halten müsste, wäre ich fix und fertig. Hinzu kommt, dass sich viele Arbeiter auf Grund der extremen Lautstärke irraperable Hörschäden zuzogen.

Ölkanne (c) Tanja Albert
Ölkannen eines Werftarbeiters. Zusehen im Historischen Museum Bremerhaven (c) Tanja Albert

Tödliche Sparmaßnahme

Wie wichtig die verlässliche Arbeit dieser Fachleute und bestes Material sind, zeigt der Untergang der „Titanic“. Heutige Erkenntnisse beweisen, dass der luxuriöse und als unsinkbar geltende Kreuzliner eine verherende Schwachstelle an den Stahlplatten der Außenhaut aufwies. Statt Güteklasse-Niets wurden minderwertige, aus brüchigem Material, verwendet. Die Kollision mit dem Eisberg ließ die Niets zerbrechen. Die Nähte sprangen weit auf und Wasser konnte in den Schiffsrumpf eindringen.

Zeitzeuge am Geesteufer

Eins der ersten Docks ist das Wencke-Dock. Aus der Zeit um 1860 genau gegenüber des Historischen Museum Bremerhavens, an der Geeste, zu sehen. Die damaligen hölzernen Dockwände sind immer noch deutlich auf der einladenden Grünfläche zu erkennen. Heute sonnen sich am Flussufer die Studenten der Hochschule. Hier, wo anfänglich zahlreiche Arbeiter Segelschiffe bauten, lief 1885 der erste Dampftrawler „Sagitta“ vom Stapel.

Niete an Niete an einer Bordwand (c) Tanja Albert
Schiffsniets an einer Bordwand neben dem Anker (c) Tanja Albert

Du Niete – von wegen! Arbeiter gehen auf die Barrikaden

Die Arbeit im Schiffbau war seit jeher extrem anstrengend und forderte ihren Tribut. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Menschen sich zur Wehr setzten. Im Juli 1905 streikten knapp dreiviertel der Arbeiter für klare Akkord- und Zeitlöhne. Auf der Rickmerswerft streiken 1907 hundert Arbeiter erfolgreich für eine Lohnerhöhung und Verkürzung der Arbeitszeit. 1908 versuchen drei Werften 775 Mann auszusperren, weil auf einer Kieler Werft Nieter die Arbeit niedergelegt hatten. Nach Beendigung des Streiks stellte sich heraus, dass die Maßnahme der Werft zum Ziel hatte, die Belegschaft wegen der schlechten Geschäftslage zu reduzieren. So sollte eine große Zahl von älteren, nicht mehr voll leistungsfähigen Arbeitern, nicht wieder eingestellt werden. Und das, obwohl sie ihr gesamtes Arbeitsleben Dienst auf der Werft verrichtet hatten.

53-Stunden-Woche

Heute kaum vorstellbar, dass die Menschen seinerzeit für eine 53-Stunden-Woche auf die Straße gehen mussten. 1910 wird eine tägliche Arbeitszeit von neun Stunden und eine Samstagsarbeitszeit von acht Stunden gefordert. Außerdem soll eine verbindliche Akkordregelung her.

Du Niete – von wegen! Lebensgefährlich

Die Gewerkschaften kämpften hart. Die durchgehende Leistung der Werftarbeiter soll von 36 auf 24 Stunden reduziert werden. Der nächste Schritt war die Forderung nach einem 18stündigen Höchstmaß. Solche Arbeitszeiten sind heute unvorstellbar. Nicht außer acht zu lassen ist dabei, dass schwerem Gerät, extremer Lautstärke und Witterungsbedingungen getrotzt werden musste.

Wasser für alle

Dinge, die für uns heute selbstverständlich sind, wurden von unseren Vorfahren hart erkämpft. 1911 streikten Dockarbeiter, Schlosser und Zimmerer erneut. Diesmal gingen sie 14 Tage lang für drei Pfennig Zulage, Frühstück und die Gestellung eines Waschraums sowie die Wiedereinstellung von Entlassenen auf die Straße. Ein Handwerksbetrieb ohne Waschraum ist heute zum Glück nicht mehr zulässig.

Niete an Niete am DE "Wal" (c) Tanja Albert
Geliebte und gepflegte Zeitzeugen: Der Dampfeisbrecher „Wal“ (c) Tanja Albert

Früher notwendig – heute schön

Heute haben wir zum Glück verlässliche Arbeitsbedingungen. Der Mensch steht im Vordergrund. Trotz aller Neuerungen, die die Arbeit erleichtern, bleiben es anstrengende Berufe. Ein Höchstmaß an Professionalität und Wissen sind dafür Voraussetzungen. Und auch, wenn die Schiffe heute Superlativen mit immer fantastischeren Highlights bieten, sind manche Dinge einfach nicht wegzudenken. Das Aussehen eines Traditionsseglers wird erhalten. Dafür werden heute beispielsweise Zierniets eingesetzt. Schönheit und Handwerkskunst sind eben unvergänglich.