Auf Spurensuche: Stolpersteine in Bremerhaven

Am 20. Juni haben wir in Bremerhaven zum zehnten Mal Stolpersteine verlegt. Genau 120 dieser kleinen glänzenden Messingquader sind nun in die Bürgersteige unserer Stadt eingelassen und erinnern an Menschen, die einmal in Bremerhaven gelebt haben. Die Stolpersteine sind das größte dezentrale Kunstprojekt Europas. Ein Projekt, das „die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Zigeuner, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus lebendig erhält“, so der Künstler Gunter Demnig.

Das Projekt wird durch Patenschaften finanziert, das heißt, für jeden Stein gibt es einen Paten, die die Kosten von 120 € für die Fertigung eines Stolpersteines trägt. Bei der diesjährigen Veranstaltung haben wir 15 Stolpersteine eingelassen und ich wurde dabei oft gefragt, wie wir auf die Personen kommen und wie wir etwas über ihr Schicksal in Erfahrung bringen.

Stadtrat Michael Frost begrüßt die Besucherinnen und Besucher der Stolpersteinverlegung am 20. Juni 2018 in der Heinrichstr. 39. (c) Mirja Meyer

Nach der Verlegung ist vor der Verlegung

Im Kulturamt ist die Verlegung der Stolpersteine ein Projekt, das uns das ganze Jahr hindurch begleitet. Denn ich fange jetzt bereits wieder an, für die nächste Stolpersteinverlegung zu recherchieren. Dazu stehen verschiedene Quellen zur Verfügung, sowohl in der Literatur als auch online. Dann habe ich einen Namen, das Geburtsdatum, meistens die Adresse, vielleicht eine Angabe über das Schicksal oder ein Todesdatum. Diese Angaben würden schon reichen, um einen Stolperstein zu gravieren. Aber wir – und auch die Patinnen und Paten – möchten gerne mehr darüber wissen, wie die Lebensumstände dieser Menschen waren, was ihnen widerfahren ist, was sie erlebt haben. Am Beispiel von Sally Goldner möchte ich euch zeigen, wie aus einem Namen eine Geschichte wird.

Auf den Namen Sally Goldner bin ich in dem Buch von Uwe Weiher gestoßen (siehe Box unten). Sofort ins Auge gesprungen ist mir dabei die Adresse: Schulstraße 5. In der Schulstraße 5 stand früher die Synagoge der jüdischen Gemeinde Wesermünde und das hat mich neugierig gemacht. Weiterhin aufgeführt sind dort Ludwig Goldner und Wilhelmine Goldner. Anhand der Geburtsdaten kann man vermuten, dass es sich um den Sohn und die Ehefrau von Sally Goldner handelt. Bei allen dreien steht außerdem der Hinweis „in die USA ausgewandert“.

Schülerinnen und Schüler der 12. Jahrgangsstufe des Schulzentrums Carl von Ossietzky (GyO) haben zusammen mit ihrer Lehrerin Yvonne Stickfort die Verlegung mit Beiträgen begleitet. An jeder Station haben sie thematisch passende Hintergrundinformationen gegeben. (c) Mirja Meyer

Puzzleteile zusammenfügen

Der nächste Weg führt ins Bremerhavener Stadtarchiv. Die Mitarbeiterin Frau Stammer unterstützt uns seit Jahren dabei, Licht in die Geschichte der Menschen zu bringen. Frau Stammer überprüft Geburtsdaten, die Schreibweisen der Namen, schaut in den alten Adressbüchern und Meldekarten nach, kopiert uns Geburtsurkunden oder Unterlagen zum Gewerbe. Manchmal findet sie alte Zeitungsartikel oder weiterführende Literatur zu den Namen. Und dann ergibt sich meistens schon ein erweitertes Bild. Doch im Fall von Sally Goldner kann sie uns leider nicht weiterhelfen, in den alten Adressbüchern und Meldekarten taucht der Name nicht auf.

Eine weitere Anfrage geht an das Staatsarchiv in Bremen und dort habe ich Glück: Sally Goldner hatte im Jahr 1950 einen Entschädigungsantrag beim Landesamt für Wiedergutmachung gestellt. In den alten Entschädigungsakten finden sich viele Dokumente, auch Schreiben von Herrn Goldner persönlich, in denen er über das Schicksal und den harten Weg der Familie berichtet. Und beim Studium der Akten werde ich überrascht: Zur Familie gehörte neben dem Sohn Ludwig auch eine Tochter Judith, von der wir bisher nichts wussten.

Auf den 10 x 10 cm großen Betonquadern ist eine gravierte Messingplatte verankert. Die Quader werden plan in die Bürgersteige eingelassen, stolpern könnt ihr nur im übertragenen Sinn. (c) Mirja Meyer

Traumatische Erlebnisse

Anhand der vielen Dokumente lässt sich folgende Geschichte rekonstruieren: Sally und Wilhelmine Goldner haben im Jahr 1926 geheiratet. Sally Goldner zog mit seiner Familie im Jahr 1934 nach Wesermünde. Er war als Prediger, Lehrer und Kantor der jüdischen Gemeinde tätig und lebte in der Schulstraße 5 im Gebäude der Synagoge.

Die Synagoge wurde in der Pogromnacht vom 9. auf den 10.11.1938 in Brand gesteckt und das Feuer hat auch die Wohnung der Goldners mit allem Inventar darin vernichtet. Sally Goldner gibt an, dass sie nur knapp mit dem Leben davongekommen sind und dass er beim Verlassen der Wohnung von der Gestapo schwer misshandelt, verhaftet und in das Gefängnis von Bremerhaven verbracht wurde. Dort musste er drei Wochen bleiben, wurde täglich verhört und dabei oft geschlagen. Auflage seiner Freilassung war die rasche Auswanderung. Er musste sich in der Folge zwei Mal wöchentlich bei der Gestapo melden und angeben, wie weit es mit der Auswanderung seiner Familie sei.

Trennung der Familie

Der Sohn Ludwig, damals 11 Jahre alt, wurde Ende 1939 von Hamburg aus nach England verbracht. Dort lebte er getrennt von seiner Familie bis ins Jahr 1944. Unter welchen Umständen, ist uns leider nicht bekannt.

Nach dem Brand ist die Familie in einer Wohnung in der Straße Vierhöfen 11 untergekommen. Das war das Haus von Herrn Seligmann, dem Vorstand der jüdischen Gemeinde, in dem nur Juden wohnten. Die Familie musste nach dem Brand viele Gegenstände neu anschaffen, auch für die anstehende Auswanderung. Sally Goldner hat sich bei verschiedenen Konsulaten in Hamburg um die Auswanderung bemüht, musste mehrere Male mit seiner Familie dorthin fahren und er allein mindestens 1-2 Mal monatlich dort vorsprechen.

Die Verlegestellen wurden von den Mitarbeitern des Amts für Straßen- und Brückenbau vorbereitet, so dass bei der Verlegung nur noch die Platzhalter entfernt werden mussten. (c) Mirja Meyer

Familie Goldner erhielt am 20. März 1941 ein Telegramm, sofort zwecks der vorgesehenen Auswanderung nach Berlin zu kommen. Sie mussten aus Zeitnot die für die Auswanderung neu angeschafften Gegenstände in der Wohnung Vierhöfen 11 zurücklassen. Sie konnten nur das allernotwendigste Gepäck in zwei Koffern mitnehmen. In Berlin mussten sie dann noch Wochen auf einen Flug warten, weil die Reisekarten, die er in Berlin erhalten sollte, nicht mehr vorhanden waren. Mit Hilfe eines Rabbiners aus Berlin (Dr. Leo Baeck) gelang es ihnen, an Karten für einen Flug nach Barcelona zu kommen. Und sie mussten noch einen Teil ihres ohnehin wenigen Gepäcks zurücklassen.

Endlich gelingt die Flucht

Beim Kauf der Flugzeugkarten wurde ihm gesagt, dass er das Flugzeug verlassen müsse, wenn bei der Zwischenlandung in Frankfurt/M oder Stuttgart Arier Anspruch auf seinen Platz im Flugzeug erheben sollten. Gegen Zahlung von 500 RM würde er von dem Angestellten der Lufthansa die Garantie erhalten, dass er und seine Familie im Flugzeug bis Barcelona verbleiben könnten. Daraufhin hat er noch zusätzliche 500 RM bezahlt.

Am 15. April 1941 hat die Familie Berlin endlich verlassen können. Von Barcelona mussten sie bis Bilbao reisen, von wo sie mit dem Schiff nach New York flohen. Die Passagierkosten für die Schiffsreise wurden vom Bruder von Sally Goldner bezahlt.

Im Jahr 1944 kam schließlich der Sohn Ludwig von England in die USA nach.

Ein Mitarbeiter des Amts für Straßen- und Brückenbau sorgt dafür, dass die Steine plan liegen und fest einzementiert werden. (c) Mirja Meyer

Ein gebrochener Mann

Sally (in den USA änderte er seinen Vornamen in Samuel) Goldner gab in seinem Entschädigungsantrag folgendes an: „Bis zum Pogrom im Jahre 1938 war ich in meiner Berufslaufbahn erfolgreich. In den Jahren 1939/1940 habe ich unsagbar Schweres durchgemacht, da ich als Leiter der jüdischen Gemeinde das entsetzliche Schicksal der anderen Gemeindemitglieder miterleben musste und täglich um mein Leben, das Leben meines Kindes und meiner Frau zitterte. Als wir endlich nach Berlin gerufen wurden, um unsere Auswanderung (…) anzutreten, erlitt ich einen Nervenzusammenbruch“.

Nach Ankunft in Amerika arbeitete er regelmäßig in verschiedenen untergeordneten Stellungen, musste jedoch im November 1956 jede Tätigkeit aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen aufgeben.

Sally Goldner hat neben den Ansprüchen auf Wiedergutmachung für den Verlust der Wohnung und des Inventars sowie für die Kosten für die Ausreise auch einen Schaden an Körper und Gesundheit geltend gemacht. Es hat mehrere Jahre, unzählige ärztliche Gutachten und mehrere Gerichtsverfahren gedauert, bis 1971 – 21 Jahre nach Antragstellung – endlich anerkannt wurde, dass er infolge der Verfolgungsmaßnahmen ungewöhnlichen psychischen Belastungen ausgesetzt war, die in Zusammenhang mit seinen Erkrankungen stehen.

Nach diesem Urteil verliert sich die Spur der Familie Goldner, die die furchtbarste Zeit ihres Lebens in Bremerhaven verbracht hat. Und  aus einem Namen in einem Buch ist ein Schicksal geworden, das berührt.

So sehen die fertig verlegten Stolpersteine für die Familie Goldner in der Schulstraße aus. (c) Mirja Meyer

Viele Ämter helfen mit

Eine Anfrage beim Standesamt Bremerhaven ergibt, dass Judith Ruth Goldner am 18. September 1936 in Bremerhaven geboren wurde. Schließlich bleibt noch zu ermitteln, wo der Stolperstein genau liegen soll, denn die Synagoge wurde nicht wieder aufgebaut. Überlicherweise werden die Stolpersteine vor den Eingängen ihrer damaligen Wohnhäuser eingelassen, doch die Schulstraße Nummer 5 gibt es nicht mehr. An der Stelle ist heute die Rückseite von den Märkten in der Elbestraße. Da kann das Vermessungs- und Katasteramt helfen. Ein Vergleich der früheren und heutigen Pläne ergibt, dass die Synagoge gegenüber der heutigen Hausnummer 10 lag.

Das Amt für Straßen- und Brückenbau hat uns bei der Verlegung der Stolpersteine tatkräftig unterstützt und so konnten am 20. Juni die vier Stolpersteine für die Familie Goldner verlegt werden. Und es hat sich auch eine interessante Spur für einen neuen Stolperstein ergeben: Ich könnte mir eine Recherche über Herrn Seligmann, dem damaligen Vorstand der jüdischen Gemeinde, aus der Straße Vierhöfen 11 gut vorstellen.

Auf einem Blick
Literatur:
Uwe Weiher: Die Jüdische Gemeinde an der Unterweser. Kleine Schriften des Stadtarchivs Bremerhaven.
(c) 1989 by Stadtarchiv Bremerhaven
Gerda Engelbracht: Erinnerungsbuch für die Opfer der NS-Medizinverbrechen in Bremen.
(c) Staatsarchiv und Edition Falkenberg, Bremen. ISBN: 978-3-95494-102-5

Online:
Informationen des Kulturamtes über das Stolpersteinprojekt
Übersichtskarte der Stolpersteine in Bremerhaven
Gedenkbuch des Bundesarchivs

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