Alexander von Humboldt: Mythos „Grüne Lady“

Als kleiner Junge wollte ich unbedingt Kapitän auf einem großen Segelschiff werden. Mitsegeln, mich vom Wind über das weite Meer tragen lassen und die Welt entdecken, so wie James Cook oder Ferdinand Magellan es einst taten. Kunststück, mein Vater war Seemann, immerzu auf der Welt unterwegs. Wir verbrachten jeden Urlaub auf Helgoland. Ich lebte auf dem Dorf und liebte das Meer.

Zwischen Kapitän und Jedi-Ritter

Ein guter Grund mal etwas tiefer in die Flasche zu schauen: Die „Alex“ als Buddelschiff. (c) Marco Butzkus

Hätte es zu jener Zeit schon die Bark „Alexander von Humboldt“ gegeben, wer weiß was aus mir und der See geworden wäre. Vielleicht Kapitän, das Gedankenspiel muss erlaubt sein. So aber zogen wir nach Bremerhaven und mein Berufswunsch änderte sich, dem Zeitgeist folgend, kurzzeitig auf Jedi-Ritter. Die „Alex“ traf ich dann viele Jahre später zum ersten Mal, im Kino.

Botschafter für Biergenuss aus Bremen

Bier spielte im Image des grünen Segelschiffs eine wichtige Rolle. (c) Marco Butzkus

Es war Anfang der 1990er Jahre. Der schmucke Segler, der früher einmal ein Feuerschiff war und zwischen 1986 bis 1988 in Bremerhaven umgebaut wurde, war inzwischen Botschafter für Biergenuss aus Bremen geworden. Kein Kinobesucher kam zu dieser Zeit an dem Werbespot mit dem flaschengrünen Segelschiff und dem schmetternden „Sail Away“ vorbei. Der Ohrwurm, der erst von der Mutter aller deutschen Reibeisenstimmen, Hans Hartz, und später – durch die, von Queen Elisabeth II zum Ritterhaupt geschlagene „Oberreibe“ – Joe Cocker intoniert wurde, tönte aus unzähligen durstigen Kehlen und verursacht bei mir bis heute schlagartig Bierdurst.

Segelnde Werbe-Ikone mit wenig Rauch und viel Schaum

Wie aus einem Kinofilm: Die Alex ankert vor einem Traumstand in der Karibik. (c) Manfred Hövener

Das Segelschiff verkörperte all das, was Landratten und Seebären mit Windjammern, Meer und Seefahrerromantik verbanden. Das, was der Marlboro Mann in den 80ern war, wurde die „Alex“ in den 90ern – ein Werbe-Ikone. Allerdings mit weniger Rauch, dafür mehr Schaum. Irgendwann hatte man das Gefühl, dass selbst das HB-Männchen nur noch in die Luft ging, um wahlweise nach einem frischen Pils oder einem grünen Segelschiff Ausschau zu halten.

Mit emotionalisierter Bierwerbung zur Weltmarke

Die Alexander von Humboldt fährt durch die Londoner Towerbridge. (c) Manfred Hövener

Der Dreimaster wurde zur „Grünen Lady“, einem der bekanntesten Windjammer der Welt. Hinter dieser Farbgebung stand natürlich auch ein klares Marketing-Kalkül und zwar das vom Josef Hattig, dem damaligen Brauerei-Boss und späteren Wirtschaftssenator von Bremen. Hattig war ein großer Freund von Segelschiffen und er machte das Bier in den grünen Flaschen zur Weltmarke. Mit der „Alexander von Humboldt“ gelangt es ihm, beides miteinander zu verbinden. Ein ganz großer Sprung in Sachen Marketing, der allerdings einiges an Anlauf benötigte.

Von der DSST zum Schiff

Die Bark Alexander von Humboldt während ihrer Umbauphase in Bremerhaven. (c) Manfred Hövener

1986 wurde die Deutsche Stiftung Sail Training, kurz DSST, ins Leben gerufen, die als gemeinnützige Einrichtung geeignete Schiffe und Landstützpunkte beschaffen, betreiben und instandhalten sollte um, bei bevorzugter Förderung Jugendlicher, unter fachkundiger Leitung Hochseesegeln im Rahmen traditioneller Seemannschaft anzubieten. Neben dem Bremer Brauereiunternehmen konnte ein großer Bremerhavener Automobil-Spediteur als zweiter Gründungsstifter gewonnen werden und ein passendes Schiff gab es auch: Ein altes Feuerschiff, das nach Plänen des berühmten Schiffsarchitekten Zygmunt Choreń zu einer Bark umgebaut wurde. Unsere „Alexander von Humboldt“.

Im Grünen verbunden – von der „Alex“ zur „Alex 2“

Die „Alex“ unter vollem Segelzeug auf der Weser. (c) Manfred Hövener

Der Segler bekam einen grünen Rumpf, um an die grünen Segelschiffe der Rickmers Reederei zu erinnern, die in Bremerhaven gebaut wurden. Die grünen Segel kamen von der Brauerei, die auch dafür Sorge trug, dass im Kühlschrank der Messe immer ein dazu passendes Bier zu finden war. Dann ging es los, aufs Meer. Der Rest ist Geschichte. Die „Alex“ musste 2011, nach 25 Dienstjahren, 500.000 Seemeilen und 50.000 Mitseglern, altersbedingt außer Dienst gestellt werden. Sie wurde durch den Neubau „Alexander von Humboldt II“ ersetzt. Die ist auch das Flaggschiff der SAIL 2020 in Bremerhaven. Das neue Schiff ist ebenfalls grün und es ist fleißig. Seit ihrer Indienststellung hat die „Alex 2“ schon über 185.000 Seemeilen hinter sich gelassen und dabei mehr als 24.000 Menschen mitgenommen. Sie erfüllt damit die Ziele, die sich die Sail Training Association Germany, kurz S.T.A.G., gesetzt hat.

Segelschiff
Die Alexander von Humboldt 2 unter vollen Segeln. (c) Jürgen Rabbel

Traditionelle Segelschifffahrt lebendig halten

Die S.T.A.G. ist ein Verein, der sich die Aufgabe gesetzt hat, traditionelle Segelschifffahrt lebendig zu halten. Er wurde 1984 in Bremerhaven gegründet und stellt die deutsche Brücke zum internationalen Dachverband – der Sail Training International, kurz S.T.I. – dar. Die S.T.I. ist zugleich Ausrichter der größten Traditionssegelregatten der Welt, der Tall Ship Races, die auch Segelschiffe zur SAIL nach Bremerhaven führen. Die S.T.A.G. wiederum ist zudem auch erster Gründungsstifter der DSST.

Maritime Tradition als Stiftungsziel

Ziel der S.T.A.G.: Maritimes Handwerk und Wissen an junge Menschen weitergeben (c) S.T.A.G.

Welche Ziele sind das eigentlich, die Segelfreunde jeden Alters dazu motiviert eine Organisation wie die S.T.A.G. ins Leben zu rufen? Ein Blick auf die Internetseite www.sta-g.de liefert mir Antworten. In einem kleinen Erklärvideo, das dort eingestellt ist, erfahre ich, dass die S.T.A.G. die maritime Tradition und Kultur erhalten möchte und sie diese an Jugendliche weitergeben will, damit das Wissen nicht verblasst. Seemännische Tradition und Werte erhalten, das klingt sehr löblich. Aber wie genau geht das vonstatten?

Teambuilding durch Disziplin und Respekt

SAIL-Training: Auf einem Segelschiff müssen alle Hand in Hand arbeiten (c) Manfred Hövener

Eigentlich ganz einfach, verrät die Homepage weiter. Jugendliche können hier nämlich finanzielle Förderungen für Reisen mit den Schiffen der S.T.A.G. erhalten – auch auf der „Alex 2“. Dabei durchlaufen sie ein sogenanntes „SAIL TRAINING“. Vielleicht als eine Art Teambuilding-Maßnahme zu verstehen, in der junge Menschen nach seemännischem Vorbild erfahren, wie man ein Teil einer Mannschaft – wird. Man lernt dabei Rücksicht und Verantwortung für sich selbst, für andere und für das Schiff zu übernehmen. Sich in Selbstdisziplin zu üben. Klingt super, finde ich. Damit ist das Aufgabenfeld der S.T.A.G. aber noch nicht komplett.

Der Traum vom Segeln ist möglich

An Bord der Alex 2 kann man sich den Traum vom Mitsegeln verwirklichen. (c) Maurizio Gambarini

Der Verband ist nämlich auch Ansprechpartner für Eigner von Traditionsschiffen. Er bietet ihnen Fortbildungen an, die dabei helfen sollen ein besserer Seemann- oder -frau zu werden und das nautische Wissen zu vertiefen. Die Eigner von Mitgliedsschiffen können außerdem Förderungen beantragen, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert ist, oder um ihre Crews fortbilden zu lassen. Eine der schönsten Aufgaben der S.T.A.G. ist es, Menschen jeden Alters den Traum vom Urlaub unter Segeln zu ermöglichen. Eine ganz besondere Art von Urlaub, denn man ist hier kein Passagier, sondern Mitglied der Besatzung und übernimmt verpflichtende Aufgaben an Bord. Das fängt beim Wachgang an und führt bis in die „Backschaft“- dem Küchendienst. Auch das Segelsetzen gehört dazu – ob man sich dafür allerdings auch hoch in die Masten traut, bleibt jedem selbst überlassen.

Interessenvertreter für Traditionsschiffe

Die S.T.A.G. legt sich für die Traditionsschiffe mächtig in die Seile. (c) Marco Butzkus

Besonders wichtig ist die Rolle der S.T.A.G. in der gemeinsamen Kommission für historische Wasserfahrzeuge (GSHW), dem deutschen Dachverband für Traditionsschiffe in Fahrt. Der GSHW vertritt nämlich in die nationalen Interessen der Traditionssegelschiffe, gegenüber dem Bundesverkehrsministerium, in Bezug auf Sicherheitsfragen auf Traditionsschiffen. Das ist so wichtig, weil dort Richtlinien festgelegt werden, nach denen Traditionsschiffe in Fahrt gehen und Passagiere oder Trainees mitnehmen dürfen. Dabei wird zwischen modernsten technischen Vorgaben und deren Umsetzbarkeit in der Betriebspraxis auf Traditionsschiffen vermitteln. Ein tiefer Spagat, wie das Zerren um die 2018 in Kraft getretene neue Sicherheitsverordnung für Traditionsschiffe aufzeigt. Dort stand die Zukunft der Traditionsschiffer lange auf der Kippe. Die verlangten Vorgaben hätten sie wohl ruiniert.

Alle unter dem Zeichen der Kogge

Flagge und Logo der S.T.A.G. zeigen eine Hansekogge in einer Kompassrose. (c) S.T.A.G.

Natürlich braucht ein Verband wie die S.T.A.G. ein Logo. Schließlich wollen die Mitglieder an ihren Schiffen Flagge zeigen können. Es zeigt eine Kogge, die Hanse war die erste organisierte Segelschifffahrt in Deutschland. Auch der rot weiße Wimpel, über dem Top der Kogge, entspricht den Hansefarben. Die gesamte Farbgebung umfasst die Nationalfarben Schwarz, Rot, Gold. Eine umgebende Windrose greift die Seehandelsgebiete der Hanse auf, die sich überwiegend an den Nord- und Ostsee-Ländern bewegten. Von Bergen im Norden bis Brügge im Süden und von Nowgorod im Osten bis London im Westen. In diesem Gebiet sind auch heute noch die meisten Mitglieder der S.T.A.G. unterwegs.

Ich selber bin übrigens inzwischen auch mit der „Alex 2“ unter Segel gegangen. In einem Wort beschrieben: Unvergleichlich! Vielleicht probiert ihr es auch einfach einmal. Alles Wichtige zur Anmeldung findet ihr auf der Homepage der „Alexander von Humboldt II“.